Oden ans Radio - Zum 50. Geburtstag von Ö1

O wenn man wüsste, wie kostbar das Wunder des Worts in der Nacht ist, denn nicht die Musik ist ’s, die tröstet, sie macht mir die Zeit nur vergänglich, bis ich den Atem wieder verspür, den deinen, den lebendigen, der mir unsichtbar sagt: Ich bin da – und du hörst mich…

Gedanken für den Tag 25.9.2017 zum Nachhören:

Während das Scheinwerferlicht eines Autos hell über die Decke zieht, schließ ich die Augen und höre nur dich. …und ich stelle mir vor, wie du aussiehst, wir sind uns ja fremd und doch so vertraut - denn ich weiß ganz genau, wie es klingt, wenn du sagst „jetzt ein Blick auf die Uhr - es ist jetzt 2 Uhr 43, oder 3 Uhr 16 oder 4 Uhr 35, und die Sonne wird bald aufgehn, und wir hören jetzt Bach.“

Hubert Gaisbauer
ist Publizist und Mitbegründer von Ö1

„Stecke deine Augen in die Ohren“

Wir hören Bach. Du und ich. Wir. Du im Studio, wahrscheinlich mit Kopfhörern und den Blick auf das Mikrophon gerichtet vor dir, ganz nah, so dass du es fast mit den Lippen berührst - und ich: mit dem Blick, der wandert zwischen dem Fenster und dem Schatten vom Fensterkreuz an der Decke.

„Hören, hören!“, klagt Christine Lavant in einem Gedicht, „nur Taube wissen, wie Hören tut und warten im Eisblock des Schweigens auf dein lebendiges Wort“.

Menschenstimmen im Radio können Licht anzünden in all den Dunkelheiten - außen wie innen – und nicht nur in der Nacht, auch – und vor allem – am Morgen: Aufhellung, Aufklärung, enlightenment! Hören, auf dass wir Sehende werden, die unterscheiden können die Gestalt des Menschen im Zwielicht!

„Stecke deine Augen in die Ohren“, soll Luther gesagt haben. O wenn man wüsste, wie kostbar die Klarheit des Worts in der Zeit ist!

Musik:

Geoffrey Douglas Madge: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach, arrangiert von Ferrucccio Busoni
Label: PSG 9011