Porträt Herzog Rudolf IV., um 1360/65

Kunst verändert - Die Schätze des neuen Dom Museum Wien: Immer wieder stehe ich vor diesem kleinen Bild. Zunächst gefesselt von der zurückhaltenden Farbigkeit; von dem Zusammenspiel der Rot-, Braun- und Ockertöne.

Gedanken für den Tag 2.10.2017 zum Nachhören:

Ich versuche durch eingehende Betrachtung mehr darüber zu erfahren. Ich möchte dem jungen Mann mit dem weisen Gesichtsausdruck näher kommen. Er hat blonde Locken und einen Bart. Die Lider sind gesenkt und der Mund ist leicht geöffnet – so als würde der Dargestellte gleich zu sprechen beginnen.

Menschliches Individuum

Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich auf spannende perspektivische Ungereimtheiten. Der Mund ist weit links, die Nase eher im Profil gemalt. Auffallend sind auch das orientalische Gewand und die edelsteinbesetzte Krone. Mein Blick wandert zu dem Text am oberen Rand. Denn dieser gibt in lateinischer Sprache Auskunft darüber, dass es sich bei dem Dargestellten um den Habsburger Herzog Rudolf IV. handelt. Er beansprucht hier den Titel „Archidux“, also Erzherzog von Österreich für sich. Dieser stand ihm genauso wenig zu wie die Krone, die unübersehbar an eine Kaiserkrone erinnert.

Johanna Schwanberg
ist Leiterin des Dom Museum Wien

Wir haben im Dom Museum Wien die Freude, eines der bedeutendsten Werke der Kunstschichte zeigen zu dürfen. Es handelt sich um das erste eigenständige, wirklichkeitsnahe Porträt eines Menschen in Dreiviertelansicht. Es ist eine besondere Leihgabe der Domkirche Sankt Stephan. Der uns unbekannte Maler hatte keine Vorbilder, als er Rudolf IV. mit Temperafarben und Pinsel auf Pergament festhielt. Gemalt wurde das Porträt zu Lebzeiten des Herrschers. Man nimmt an, in den Jahren 1360 - 1365, also kurz vor dessen frühen Tod.

Mich interessiert an diesem Bild nicht nur das Wissen darum, dass es sich hierbei um einen Meilenstein in der Entwicklung der Kunst handelt. Besonders überzeugt mich die Ambivalenz, die in diesem Porträt zum Ausdruck kommt. Der Gründer der Wiener Universität und Erbauer des gotischen Stephansdoms wird hier in seinem Machstreben gezeigt. Aber nicht als unnahbarer Herrscher, sondern als menschliches Individuum in all seiner Nachdenklichkeit, in all seiner Verletzlichkeit.

Musik:

Hans Haider und Ensemble: „Gaucelm“ / 12. Jh. von Gaucelm Faidit, bearbeitet von Hans Haider
Label: EMI Selected Sound 5101