Gold-Seide-Stoff der Grabhülle Rudolf IV., um 1319 - 35

Was für ein unglaubliches Objekt! Wie ein zerschnittenes Gewand oder das ausgebreitete Fell eines gehäuteten Tieres mutet es auf den ersten Blick an. Die erdig-braune Farbigkeit verstärkt den organischen Charakter. Bei näherem Hinsehen entdeckt man dunkle Flecken auf dem Stoff.

Gedanken für den Tag 3.10.2017 zum Nachhören:

Vor allem wird erkennbar, dass es sich um ein höchst subtiles Gewebe aus vergoldeten Silberfäden handelt. Auch die Ornamentik ist ausgesprochen vielgestaltig. Zum einen sind breite Streifen mit arabischen Schriftzeichen erkennbar. Zum anderen sind Bänder mit gemusterten Rauten, geschwungenen Medaillons und Pfauen zu sehen. Es gibt auch Streifen, die Panther auf Antilopenjagd zeigen.

Johanna Schwanberg
ist Leiterin des Dom Museum Wien

Dialog zwischen Orient und Okzident

Als Direktorin des Dom Museum Wien habe ich viele Kunstwerke, die mir am Herzen liegen. Aber dieses mittelalterliche Textil hat es mir besonders angetan. Die Geschichte rund um diesen Gold-Seide-Stoff könnte ganze Bücher füllen. Durch die arabische Inschrift in Form eines islamischen Segenspruches wissen wir, dass das Textil im 14. Jahrhundert für den Sultan Abu Said gefertigt wurde. Er herrschte im Gebiet des heutigen Iran und Irak. Irgendwie muss der Stoff dann nach Europa gekommen sein. Denn 1365 umwickelte man damit den jung verstorbenen Habsburger Rudolf IV. Man trug den Herzog von Mailand nach Wien und bestattete ihn im Stephansdom.

Über 500 Jahre war der kostbare Gold-Seide-Stoff das Grabgewand Rudolfs. 1933 gab es dann eine erneute Wende in der Geschichte dieses Stoffes. Man holte das orientalische Gewebe aus der Grabstatt und präsentierte es im damals neu gegründeten Dom- und Diözesanmuseum einer breiten Öffentlichkeit.

Mich begeistert dieses Objekt mit seiner ereignisreichen Geschichte aus vielerlei Gründen. Besonders aber, weil es zeigt, dass der Austausch zwischen zwei Kulturen kein Phänomen der Gegenwart ist. Bereits im Mittelalter gab es einen regen Dialog zwischen Orient und Okzident; er hat sich ungemein bereichernd auf die Entwicklung der Künste ausgewirkt.

Musik:

Cincinnati Pops Orchestra unter der Leitung von Erich Kunzel: „The mummers’ dance“ von Loreena McKennitt, arrangiert von Joseph D. Price
Label: Telarc CD 80571