Angst und Respekt

Vor kurzem hatte ich mit meiner achtjährigen Tochter eine heftige Auseinandersetzung. Sie warf mir ein Schimpfwort an den Kopf, das sie irgendwo aufgeschnappt hatte. Ich forderte von ihr mehr Respekt ein, und sie entgegnete, nein, vor mir habe sie keinen Respekt.

Zwischenruf 1.10.2017 zum Nachhören:

Eine solche Aussage ist für einen Vater doch ganz schön schockierend. Im Zuge des folgenden Gesprächs stellte sich heraus, dass meine Tochter die Begriffe „Respekt“ und „Angst“ durcheinandergebracht hatte. Sie versicherte mir, sie wollte eigentlich sagen, sie hat vor mir keine Angst. Das war natürlich keine richtige Entschuldigung für das Schimpfwort, aber diese Schwierigkeit einer Achtjährigen im Umgang mit den Begriffen „Angst“ und „Respekt“ machte mich nachdenklich: Vielleicht ist es ja Angst, die dazu führt, dass es manchen Menschen so schwer fällt, Respekt vor dem Gegenüber zu zeigen?

Roland Werneck
ist evangelisch-lutherischer Pfarrer in Wels in Oberösterreich

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Das Schüren von Angst ist ja ein Faktor, der in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft eine Rolle spielt. In der sogenannten „schwarzen Pädagogik“ war es üblich, bedrohliche Bilder und Szenarien gezielt einzusetzen, um Kinder und Jugendliche einzuschüchtern. Ich selbst kann mich noch gut erinnern, dass mir als Kind gesagt wurde, wenn ich nicht aufesse, dann kommt der schwarze Mann und holt mich. Als ich dann tatsächlich einem dunkelhäutigen Mann begegnete, reagierte ich panisch.

In der politischen Auseinandersetzung werden besonders in Vorwahlzeiten verschiedene Gespenster an die Wand gemalt. Diese Vorgangsweise hat eine lange Tradition. In der Nachkriegszeit war es die Angst vor dem Kommunismus, die die Wählerstimmen maximieren sollte, seit einigen Jahren ist es vor allem der Islam, der als Feindbild herhalten muss.

Zwischenruf
Sonntag, 1.10.2017, 6.55 Uhr, Ö1

Wenn ich vor etwas Angst habe, fällt es mir schwer, genauer hinzuschauen. Die Angst kann Macht über mich gewinnen, auch wenn ich das gar nicht will. Die Angst kann Wut und Aggression in mir wachsen lassen, bis hin zum Hass. Es fällt mir schwer, zu unterscheiden: Was passiert wirklich, was bilde ich mir nur ein? Die Angst kann mich dazu bringen, dass ich jede Form von Respekt verliere. Angst ist ein schlechter Ratgeber – in der Erziehung, in der Politik, aber auch in der Religion.

Keine Angst!

Dort, wo von einem grausamen und strafenden Gott die Rede ist, wird der Glaube durch Angstmache ersetzt. Wenn die evangelischen Kirchen in diesen Wochen 500 Jahre Reformation feiern, dann erinnern sie besonders daran, dass es damals genau um diese Frage ging. Der Augustinermönch Martin Luther hatte eine Riesenangst vor der Strafe Gottes, vor dem Fegefeuer und der Hölle. Diese Angst bestimmte im Mittelalter das Leben vieler Menschen und war die Grundlage für das Geschäft mit dem Ablasshandel.

Die Entdeckung Luthers, dass dieser fantasierte Angstgott ein Missbrauch des christlichen Glaubens ist, war der Beginn der evangelischen Erneuerungsbewegung. Eine gute Religion erweist sich darin, dass sie die Ängste der Menschen nicht für ihre Zwecke benutzt. Wenn die Angst vor Gott wegfällt, dann verliert sie auch an Macht im Umgang mit denen, die sich wie Götter aufspielen. Im Fall von Luther waren das die damaligen kirchlichen und staatlichen Autoritäten, der Papst und der Kaiser.

Die reformatorische Erkenntnis, dass Gott den Menschen annimmt ohne jede Vorbedingung, allein aus Gnade, heißt für heute übersetzt: Du brauchst Dir keine Ängste mehr einreden lassen, sondern Du kannst jetzt genauer hinschauen und die Dinge differenziert betrachten. Das ist eine gute Voraussetzung, um respektvoll mit den Mitmenschen umzugehen, gerade auch mit denen, die anders denken oder glauben.