Joseph Beuys, Quelle, 1949

„Kunst verändert den Menschen – sie verändert das Leben“. Eine starke Ansage, die dem künstlerischen Schaffen eine unglaublich positive Kraft zuschreibt. Der Domprediger Otto Mauer hat sie in seiner Rede über den deutschen Künstler Joseph Beuys getätigt. Als Museumsdirektorin gefällt mir dieser Glaube an das verändernde Potential von Kunst.

Gedanken für den Tag 6.10.2017 zum Nachhören:

Die Beschäftigung mit der über 3000 Werke umfassenden Sammlung Otto Mauer im Dom Museum Wien bestätigt mir täglich aufs Neue, dass der Umgang mit Kunst zumindest die eigenen Grenzen und den eigenen Denkhorizont ständig erweitern kann. So begeistert mich beim Durchsehen der vielen Grafiken und Gemälde, dass Otto Mauer nie stehen geblieben ist. Vielmehr hat er immer wieder neue Künstler und Künstlerinnen für sich entdeckt. Waren es in der Frühzeit die klassische Moderne und die Neulandkünstler, später vor allem die österreichischen Informellen wie Rainer, Mikl, Prachensky und Hollegha, so kam schließlich in den letzten Jahren vor seinem Tod das Interesse für den deutschen Aktions- und Objektkünstler Joseph Beuys hinzu.

Johanna Schwanberg
ist Leiterin des Dom Museum Wien

Arme Materialien

Ein Beuys-Blatt aus der Sammlung fasziniert mich besonders. Es nennt sich die „Quelle“ und stammt aus dem Jahr 1949. Die Grafik setzt sich aus rostfarbenen Flecken und Linien zusammen. Man hat den Eindruck, als hätten Blutreste und andere organische Säfte Spuren auf einem vergilbten Papier hinterlassen. Ich weiß nicht genau, was die einzelnen Formen meinen. Aber der organische Charakter und das Ineinanderfließen von Flecken und Linien sind berührend. Sie ergeben mit dem Titel „Quelle“ ein stimmiges Ganzes, in dem Fragen nach dem Ursprung der menschlichen Existenz anklingen.

Dem Domprediger und Kunstförderer hatte es das Beuys‘sche Bekenntnis zu armen Materialien – „zu verfaultem Holz, zur gewöhnlichen Seife“ – angetan. Für Otto Mauer hatte dies in höchstem Maße mit Religion zu tun: So meinte er: „Es ist also das Spirituelle und nicht das Material, das die Kunst ausmacht.“

Musik:

Lou Reed und Laurie Anderson: „Rouge“ von Lou Reed
Label: Reprise 9362474252