Good morning England

„Good morning“ – Mit diesen Worten wissen alle die, die des Englischen mächtig sind, dass sie noch am Leben sind. Wer das hört, darf aufstehen, kaltes Wasser ins Gesicht, heiße Eier mit Speck in der Pfanne: Was will der Mensch mehr?

Gedanken für den Tag 11.10.2017 zum Nachhören:

Es sei denn, man hat sich verhört. Lord Byron, also nicht irgendwer, ganz gut in Englisch, geschrieben und gesprochen, bei Tag und bei Nacht, sagte nie „good morning“. Er bestand als Dichter und Kenner des Lebens auf „good mourning“, „schön trauern“. Nur so, meinte Byron, sollte man einander bei Sonnenaufgang begrüßen. Denn, so der Dichter, der nicht irgendein Dichter war, selbst der schönste Tag ist hässlicher als die finsterste Nacht. Wer aufwacht, der hätte das Schönste hinter sich gelassen, und damit wären nicht nur die Träume gemeint, sondern einfach schon die Abwesenheit von Tag und Tageslicht und übertriebener Sichtbarkeit, einer Sichtbarkeit, die auch durch die besten Sonnenbrillen nur hinlänglich getrübt werden könnte.

Herbert Maurer
ist Schriftsteller und Übersetzer

Byrons „Mourning“, statt „Morning“, hatte der „billigen Sichtbarkeit alles Wesentlichen und Unwesentlichen“ noch eines Voraus: Im „Mourning“ konnte der „Good Mourning“ Sagende den kleinen Toden nachtrauern, im Gegensatz zum großen Tod, der laut Byron nach Sonnenaufgang jeden Tag neu beginnt, um aber – bei Sonnenuntergang – wieder zu sterben, kaltes Wasser im Gesicht, heiße Eier vor Augen. So möge sich jeder Brite oder jeder, der das Englische liebt – sagte der Lord aller Lords - damit über den Tag hinweg trösten, dass der Tod am Ende des Tages wieder stirbt … und dass die Zeit zu trauern vorbei ist.

Musik:

Margaret Price/Sopran und Graham Johnson/Klavier" Sun of the sleepless! melancholy star!" von Felix Mendelssohn Bartholdy, Text von George Gordon Noel Lord Byron
Label: Hyperion CDA 66666