Luther, Gott und der Staat

Die Regierung hat die Verantwortung, für Frieden und Gerechtigkeit im Staat zu sorgen. Die Verantwortung der Christinnen und Christen und damit der Kirchen ist es, den Staat an seine Verantwortung zu erinnern. Die Begründung dafür findet sich in der Bibel.

Zwischenruf 22.10.2017 zum Nachhören:

Der Apostel Paulus meint: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ Keine Frage: Dass die Regierung von Gott angeordnet wird, steht im Gegensatz zur modernen Demokratie. Die demokratische Verfassung kommt ohne Gott als Obrigkeit aus. Der Souverän ist das Volk und es herrscht die Trennung von Religion und Staat.

Olivier Dantine

ist evangelisch-lutherischer Superintendent der Diözese Salzburg/Tirol

Es war unter anderem die Reformation, deren Beginn vor 500 Jahren in diesen Wochen gefeiert wird, die einige der Grundlagen für diesen für die Demokratie unverzichtbaren Grundsatz schuf. Freilich zeigt ein Blick in die Geschichte, dass es Jahrhunderte gedauert hat, bis Trennung von Religion und Staat sowie Religionsfreiheit im heutigen Sinn sich durchgesetzt haben. Lange Zeit hat das auch von Martin Luther selbst gutgeheißene Prinzip der konfessionell einheitlichen Gebiete gegolten und die weltlichen Herrscher wurden als Schutzmächte der Konfessionen verstanden.

Genau diese Verquickung von Konfession und Politik hat zu großen Katastrophen geführt, man denke nur an den 30-jährigen Krieg. Die Trennung von Religion und Staat, Grundwerte wie Toleranz und Religionsfreiheit mussten erst gegen die Kirchen, auch gegen reformatorische Kirchen durchgesetzt werden.

Dabei sehe ich eine wichtige Grundlage für die Trennung von Staat und Religion gerade in Martin Luthers Lehre von den zwei Regimentern, mit denen Gott seine Herrschaft über die Welt ausübt. Luther geht vom biblischen Wort aus, dass jede Obrigkeit ihre Legitimität von Gott her hat. Das klingt zunächst gerade nicht vereinbar mit einem demokratischen Prinzip. Aber gerade mit dieser Lehre von den zwei Regimentern begründet er den Rückzug der Religion von staatlicher Macht. Christen hätten die Autorität der staatlichen Obrigkeit anzuerkennen, auch wenn es keine christliche Obrigkeit ist.

Zwischenruf

Sonntag, 22.10.2017, 6.55 Uhr, Ö1

Die staatliche Obrigkeit übt das weltliche Regiment aus. Umgekehrt wird aber ein totalitärer Anspruch des Staates auf den Menschen abgelehnt. Der Mensch steht unter dem geistlichen Regiment Gottes, so ist sein Gewissen vor dem Zugriff jeder menschlichen Autorität geschützt. Das Gewissen ist also allein Gottes Wort verpflichtet. So sind Christinnen und Christen in ihrem Gewissen gegenüber jeglicher Obrigkeit frei.

Da sie aber gleichzeitig unter weltlichem Regiment stehen, sind Christinnen und Christen aufgefordert aus ihrer Freiheit heraus Verantwortung für die Gesellschaft wahrzunehmen. „Freiheit und Verantwortung“ – das Motto des 500-jährigen Reformationsjubiläums ist hier begründet.

Aus dieser Verantwortung heraus melden sich die Kirchen in gesellschaftlichen Fragen immer wieder zu Wort. Die Einhaltung von Menschenrechten, der Erhalt von sozialer Gerechtigkeit, der Schutz verletzlicher und von Ausgrenzung bedrohter Menschen in unserem Land, unabhängig von ihrer Herkunft, gehören zu den Zielen, deren Aufrechterhaltung die Kirchen einmahnen.

Auch die Verantwortung eines der reichsten Länder für die weltweite Verteilungsgerechtigkeit und der Einsatz gegen den Hunger in der Welt geht die Christinnen und Christen etwas an. Hier müssen sie ihre Stimme erheben und dafür sorgen, dass sie Gehör finden – für die Schwachen und Benachteiligten in der Welt. Für die Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen, die durch Klimawandel und Umweltzerstörung gefährdet sind.

Gerade dann, wenn diese wichtigen Ziele drohen, aus dem Blick der politischen Kräfte zu geraten, ist die Stimme der Kirchen und das Einmahnen dieser Ziele besonders wichtig. Erst recht gilt das, wenn sich Politiker den Erhalt christlicher Werte auf die Fahnen schreiben. Denn ob sich eine Gesellschaft des vielbeschworenen christlichen Erbes würdig erweist, entscheidet sich in ihrem Umgang mit den Schwächsten.