Mitgefühl - Mit Gefühl – Mitgefühlt

Nachdem mir Fabian völlig aufgelöst erzählt hat, dass ihn seine Frau verlassen hat, greife ich einfach nach seiner Hand und halte sie stumm fest. Meine Freundin Riki zieht genervt die Augenbrauen in die Höhe und tritt den Rückzug an, nichts wars mit dem gemütlichen Pausentratsch, jetzt ist wieder mal Seelsorge angesagt, der Blick, den sie mir zuwirft, spricht Bände.

Zwischenruf 5.11.2017 zum Nachhören:

Annemarie ist immer noch zutiefst verunsichert. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Ihre Nachbarin hat sich das Leben genommen. Sie ist total schockiert, soll sie hinübergehen und Beileid wünschen oder fragen, ob sie was helfen kann? Beides fühlt sich so falsch an aber irgendetwas muss sie tun, irgendwie muss sie mitteilen, dass sie Anteil nimmt, betroffen ist, ihr eigenes Leben erschüttert ist, durch diese Erfahrung.

Sieglinde Pfänder
ist evangelisch-lutherische Pfarrerin in Oberwart im Burgenland

Mitgefühl

Weil sie sich mit Worten und Gesten schwer tut, macht sie schließlich das, was sie gut kann: Sie kocht einen großen Topf Hühnersuppe mit Karotten und Nudeln, weil drüben bei den Nachbarn heut sicher keiner dran denkt, zu kochen, aber essen, essen muss der Mensch, denkt sie und dann steht sie vor der Tür, mit dem Topf in der Hand und klingelt. Hubert, ihr Mann, hat längst aufgehört, sie zu kritisieren, für ihre Hilfsbereitschaft. „Was geht’s mich an, was da drüben passiert ist“, brummelt er in seinen Bart und verschanzt sich, wie so oft, in seiner Werkstatt.

In die Nachbarwohnung sind Flüchtlinge eingezogen. Eine ganze Familie. Sieben Menschen - in zwei Zimmern. Zwei Erwachsene und fünf Kinder. Herr Zettl weiß das deswegen so genau, weil er schon die längste Weile durch den Spion in seiner Haustür schaut, endlich tut sich mal was im Haus, obwohl er schon ganz deutlich mitgeteilt hat, was er davon hält, dass Flüchtlinge einziehen sollen, in seinem Wohnblock. „Eine Frechheit ist das“, schimpft er vor sich hin – „und wehren kann sich auch keiner dagegen und auf die Politiker ist sowieso kein Verlass!“

Mitgefühlt

Während Herr Zettl sein Auge fest an den Spion drückt, fällt ihm auf, dass die Frau ein Kopftuch trägt“, das auch noch“, denkt er, „und dazu fünf Kinder!“. Die Tür fällt hinter den sieben Menschen geräuschlos ins Schloss. „Wo bleiben die Möbel und das Bettzeug und was man so braucht zum Leben?“, brummt er vor sich hin. Denn die Wohnung da drüben ist leer, nur eine Küche steht drin und ein Tisch, mit vier Stühlen, auch das weiß er ganz genau. Es kann doch nicht sein, dass sieben Menschen nur drei Plastiksackerln haben – denn mehr hatten sie nicht in der Hand, als sie die Treppe hoch gekommen sind.

Zwischenruf
Sonntag, 5.11.2017, 6.55 Uhr, Ö1

Die Minuten verstreichen, sein Nacken schmerzt schon, aber da geht keine Tür auf und da kommt auch keine Möbellieferung. Nichts. Brummend dreht Herr Zettl seinem Spion den Rücken zu und geht in sein Wohnzimmer. So viele Sachen liegen da herum, Dinge, die er überhaupt nicht braucht. „Aber was geht’s mich an“, denkt er, „ob die da drüben genügend Stühle haben und Bettwäsche oder nicht.“

Als Herr Zettl sein Nachtmahl an dem großen Esstisch einnimmt, an dem er schon seit Jahren ganz allein sitzt, lässt ihm sein Gewissen keine Ruhe. „Ich geh da jetzt hinüber und schau, ob die Leute was brauchen“. Und bevor er sich das noch so richtig überlegt hat, steht er schon in der kleinen Küche der Nachbarwohnung und erkennt, dass die fremden Menschen nichts haben, wirklich gar nichts, noch weniger, als er sich vorstellen konnte. Und darum geht er zurück in seine Wohnung und holt die Decken und Kissen, die er schon längst nicht mehr braucht, damit wenigstens die Kinder etwas zum Zudecken haben. Frau Lackner, die sein Treiben von ihrem Spion aus beobachtet, schüttelt nur den Kopf. Sie dreht sich um, schaltet den Fernseher ein und tut so, als sei einfach nichts gewesen.

Mit Gefühl

Ich möchte meine Fähigkeit „mitzufühlen“, mich in andere hineinzuversetzen, stärker in den Blick nehmen. Ich möchte mich bewusst darin üben, auch die Leidensgeschichte anderer Menschen ein Stück weit mitzutragen.

Während ich diesen Entschluss fasse, kommt Omar in mein Büro. Omar ist ein junger Iraker und bekennender Agnostiker, der immer wieder mal bei mir im Pfarramt auftaucht, um ein paar Worte mit mir zu wechseln, cool und taff und doch auch bedürftig nach Nähe und mütterlicher Zuwendung. „May I hug you?“, fragt er mich heute und geht mit erwartungsvollen Augen auf mich zu - und dann umarmt er mich stürmisch und drückt mich fest an sein Herz.