Revolutionäre: Frühe Vögel

Zugegeben: Die Zeit in der Früh ist nicht unbedingt der Sendeplatz, an dem man sich gerne über Revolution Gedanken machen würde. Noch dazu: Gedanken für den Tag. Wenn man mühsam nach dem Lichtschalter tastet, sich aus dem Bett ächzt und der Gang ins Bad täglich neu beweist, dass das Wort müh-selig mit Seligkeit nicht das Geringste zu tun hat.

Gedanken für den Tag 13.11.2017 zum Nachhören:

Zu diesen Momenten an den 100. Jahrestag der russischen Revolution zu denken, ist schon etwas viel verlangt. Aus der Bettperspektive betrachtet ist Revolution so etwas wie ein Handstand im Morgengrauen. Sie ist etwas ganz Unerhörtes. Weshalb auch Revolutionäre äußerst ausgeschlafene Menschen sein müssen, heißt es doch.

„Träum weiter!“

Denn sie brauchen die erhabene Kraft der Fantasie, sich alles ganz anders vorzustellen. Aus Arm machen sie Reich, aus Schwäche Stärke und aus wunschlosem Unglück eine von Wünschen und Hoffnungen nur so triefende Zukunft, eine goldene Morgenröte, hinter der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit auf uns warten.

Oliver Tanzer
ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Furche“

So etwas Revolutionäres gibt es auch in unseren kleinen weniger heroischen Existenzen. Wir hören beispielsweise die Sehnsucht danach aus scheinbar simpel gestrickten Hits der Schlagerparade: „Einfach weg und nur noch fort“, „Flieg mit mir zum Mond“, „Ich hol dir die Sterne vom Himmel“. Da wird bald einmal die tröge Existenz von den Füßen auf den Kopf gestellt für ein wenig Freiheit und Liebe.

Das Revolutionäre ist in diesem Sinne eine Traumsubstanz, die alles möglich macht. Heikel wird es nur, wenn die Träume umgesetzt werden sollen. Der Freiheitsheld entpuppt sich dann schnell als Diktator, das Gerede vom Neuen Menschen als ein philosophischer Papiertiger und das Versprechen einer neuen Zeit bloß als Wiederkehr des ewig alten. Auch im persönlichen Bereich wurde so manche „neue Flamme der Leidenschaft“ schneller wieder ausgeblasen, als die Hitze des ersten Moments das erwarten ließ. Friedrich Engels hat diese Burn-Out-Gefahr des Revolutionären erkannt, als er sagte: „Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, dass die gemachte Revolution, jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah.“

Da befinden sich übrigens der Revolutionär und der bettschwere Mensch in aller Hergottsfrüh in einer ähnlichen Situation. Beide bekommen von Menschen, die es wirklich gut mit ihnen meinen, den gleichen Ratschlag. Er lautet: „Träum doch bitte weiter!“

Musik:

„Talkin’ bout a Revolution“ von Tracy Chapman
Label: Elektra 9607742