Konsequenz

Ein monolithischer drei Meter hoher Block, der nur weit entfernt an einen menschlichen Körper erinnert. Aus dem rechteckigen Klotz ragt ein männlicher Kopf hervor. Er hat langes zerzaustes Haar, wulstige Lippen und einen selbstbewussten Blick, der in die Ferne schweift. Das Gesicht ist grob modelliert, an manchen Stellen wirkt es deformiert.

Gedanken für den Tag 24.11.2017 zum Nachhören:

Die sensationelle Plastik wurde bereits in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts von Auguste Rodin geschaffen – aber sie versetzt immer noch in Staunen. Denn diese Statue des Schriftstellers Honoré de Balzac zählt zu den radikalsten Werken der modernen Kunstentwicklungen. Kein Wunder, dass sie auch zu einem der größten Kunstskandale der Geschichte führte.

Johanna Schwanberg
ist Leiterin des Dom Museum Wien

Suche nach dem inneren Kern

Die Auftragsarbeit war so gar nicht das, was sich die französische Schriftstellervereinigung erwartet hatte. Nachdem Rodin seinen Balzac der Öffentlichkeit präsentierte hatte, kam es zu einem kollektiven Aufschrei. Man schimpfte die Skulptur „Schneemann“, „übergewichtiges Monster“ oder „formlose Masse“. Die Schriftstellervereinigung lehnte das Werk ab und vergab den Auftrag an einen konventionellen Bildhauer. Rodin sah sich gezwungen, den Entwurf in seinem privaten Garten aufzustellen. Erst Jahrzehnte später kam es zu einem Bronzeguss und einer öffentlichen Präsentation.

Heute gilt Rodins „Balzac“ als Ausgangswerk der modernen Plastik, da es hier nicht um die Wiedergabe des äußeren Erscheinungsbildes eines Menschen geht. Vielmehr stellt es den Versuch dar, den Charakter und die Denkweisen des Schriftstellers ins Dreidimensionale zu übersetzen: „Er hat ihn im Grunde seines Wesens erfasst, er hat an den Grenzen dieses Wesens nicht halt gemacht“, meinte der Dichter Rainer Maria Rilke dazu, der Rodins Sekretär war.

Mich interessieren an dieser Skulptur die Reduktion auf das Wesentliche und die sichtbare Suche nach dem inneren Kern eines Menschen. Zugleich begeistert mich die Konsequenz, mit der Rodin hier vorgegangen ist. Unbeeindruckt von Zurufen und Kritik hat er an dem Weg festgehalten, den er für richtig hielt. Genau dadurch hat er Einzigartiges geschaffen.

Musik:

„No luck in Paris“ von Wolfgang Muthspiel
Label: Amadeo 8470232