Fragment

„Meterweit nur Bruchstücke, eines neben dem anderen. Akte in der Größe meiner Hand und größer … aber nur Stücke …. Und doch, je näher man zusieht, desto tiefer fühlt man, dass alles das weniger ganz wäre, wenn die einzelnen Körper ganz wären.“

Gedanken für den Tag 25.11.2017 zum Nachhören:

In einem Brief an seine Frau Clara Westhoff beschrieb der Dichter Rainer Maria Rilke 1902 die Eindrücke, die er im Atelier Auguste Rodins gesammelt hatte. Rilke war nach Paris gekommen, um eine Monografie des verehrten Bildhauers zu schreiben. Dabei war Rilke vor allem von den „Trümmern“ beeindruckt, wie Rodin seine Fragmente liebevoll nannte.

Unvollendet

Natürlich spielten schon vor Rodin Fragmente und Torsi in der Kunst eine große Rolle. Aber diese unvollständigen Skulpturen waren nicht beabsichtigt, sondern das Ergebnis der Überlieferung wie bei antiken Fundstücken. Oder sie waren einfach nicht fertigstellt worden wie Michelangelos „Sklaven“.

Johanna Schwanberg
ist Leiterin des Dom Museum Wien

Rodin ist hingegen der erste Bildhauer der Moderne, der das Unvollendete und das Fragmentierte bewusst einsetzt. So konzentriert er sich oft nur auf den Kern eines Körpers und lässt den Kopf und die Arme weg. Mich beindruckt, wie innovativ Rodin bei diesen Arbeiten war. Seine Torsi wurden für viele spätere Künstler vorbildhaft – etwa für Constantin Brancusi oder Pablo Picasso.

In anderen Arbeiten stellt Rodin menschliche Gliedmaßen alleine ins Zentrum einer Arbeit wie bei der Skulptur „Kathedrale“ aus dem Jahr 1908. Hier bilden zwei Marmorhände, so als würden sie beten, eine Skulptur. Die Handhaltung und die Leerfläche zwischen den Händen erinnern an einen spitzbogenartigen gotischen Kirchenraum.

Ich mag diese Rodin-Fragmente besonders, weil sie den Blick auf Details des menschlichen Körpers lenken. Sie sensibilisieren dafür, wie faszinierend etwa eine Hand, ein Rücken oder ein Fuß sind. Mir sind diese Torsi und Fragmente aber auch sympathisch, weil sie sich gegen das Perfekte und Fertige wenden. Sie zeigen, dass im Unvollkommenen und Unfertigen oft mehr Qualität zu finden ist als in der Abgeschlossenheit.

Musik:

The Great Jazz Trio: „Love is here to stay“ aus dem Film „The Goldwyn Follies“ und dem Film „Ein Amerikaner in Paris“ von George Gershwin
Label: Denon DC 8567