„Mit der Schärfe der Satire“

Zum 350. Geburtstag von Jonathan Swift: Es beginnt wie in einem spannenden Roman oder Film. Ein Sommerabend im Jahr 1726, durch die Londoner Gassen fährt eine Kutsche. Vor dem Haus eines Verlegers wird ein Paket abgelegt, die Kutsche ist auf und davon. Absender des Pakets unbekannt, Inhalt: das Manuskript eines anonymen Autors.

Gedanken für den Tag 27.11.2017 zum Nachhören:

Bald erschien dieses Manuskript als gedrucktes Buch. Es gehört heute zu den berühmtesten Werken der Weltliteratur, allerdings auch zu jenen, die wohl nur wenige in voller Länge gelesen haben. „Reisen zu mehreren entlegenen Völkern der Welt in vier Teilen“, lautete der Titel, heute ist es als „Gullivers Reisen“ bekannt. Verfasser sei ein gewisser Gulliver, hieß es, „zuerst Wundarzt, danach Kapitän mehrerer Schiffe“. Manche behaupteten sogar, ihn zu kennen. Aber wer nach ihm suchte, suchte vergeblich. Auch die beschriebenen Länder, etwa Liliput, waren auf keiner Karte zu finden – weil erfunden.

Das Spiel mit Autorennamen war in der Literatur damals sehr beliebt, hier hat es aber auch politische Bedeutung. Das Manuskript wurde nicht ohne Grund anonym abgegeben.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin und Theologin

Stolz und Hunger

Der Verfasser Jonathan Swift war Dekan von St. Patrick in Dublin, also hoher geistlicher Würdenträger in der anglikanischen Kirche. Er hatte schon eine politische Karriere hinter sich und offensichtlich, wie sich seinem Beipacktext an den Verleger entnehmen ließ, durchaus Sorge, die Sprengkraft seiner Satire könnte so groß sein, dass man ihn auch strafrechtlich belangen könnte. Er bat den Verleger, gegebenenfalls zu streichen oder zu mildern.

Aber milde war das Werk nicht, das dann als Buch erschien. Mit den verharmlosenden und stark gekürzten Kinderbuchversionen von später hat es nicht viel gemein. Was Swift darin erzählte und wie er es erzählte, schlug voll in die Gesellschaft ein. All die zerstörerischen Schwächen menschlichen Handelns werden hier vergrößert, verkleinert, gedreht, gewendet, zugespitzt: schonungslos. „Mein Hauptziel in allem, was ich bei meiner Arbeit auf mich nehme, ist, der Welt eher wehzutun als sie zu unterhalten“, schrieb Swift 1725 in einem Brief.

Mit „Gullivers Reisen“ hat Swift wohl beides erreicht: Raffiniert wusste er seine Leser zu unterhalten, doch tat er das so, dass deutlich wurde: Was hier erzählt wird, geschieht nicht in der Ferne oder in Fantasien. „Arme Völker seien hungrig, reiche Nationen stolz, und Stolz und Hunger lägen immer miteinander im Streit.“ Swift erzählt von uns. Und das trifft (und schmerzt) noch heute.

Musik:

National Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Bernard Herrmann: „Overture“ aus: Gulliver’s travels / Suite aus dem Film „The three worlds of Gulliver“ / „Herr der drei Welten“ von Bernard Herrmann
Label: Phase 4/London 4438992