"... nach besten Kräften unterstützen"

Als konservativer Moralist und Denker wurde Jonathan Swift, der Autor von „Gullivers Reisen“, oft bezeichnet, der vor 350 Jahren geboren wurde. Der Literaturtheoretiker Edward Said sah in ihm aber auch „eine Art Lokalpolitiker, Kolumnisten, Pamphletisten, Karikaturisten“.

Gedanken für den Tag 28.11.2017 zum Nachhören:

Krieg, „Eroberung, koloniale Unterdrückung, religiöse Zersplitterung, Manipulierung von Körper und Geist, Projekte zur Naturbeherrschung und zur Beherrschung von Menschen und Geschichte, die Tyrannei der Mehrheit, monetären Profit als Selbstzweck, die Schikanierung der Armen durch eine privilegierte Oligarchie: Jedes dieser Themen lässt sich leicht in mindestens einem Werk Swifts nachweisen", meint Said, und erinnert daran, dass es vor dem späten 19. Jahrhundert nur wenige Autoren gibt, „deren Einstellung zu diesen Dingen sich derart scharf von der der herrschenden Mehrheitsmeinung abhebt.“

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin und Theologin

Das Bewusstsein der Leser ändern

Der anglikanische Priester und Schriftsteller Swift reagierte in seinen Predigten und Schriften wie ein Journalist auf Anlässe und Situationen. Er schnalzte an die Öffentlichkeit, was diese vielleicht gerne übersehen würde, er wollte das Bewusstsein seiner Leser ändern. Was er sagte und schrieb, wirkte.

Man kann Swifts Analysen heute nicht immer ungeteilte Zustimmung geben. Eigenartig mutet da und dort etwa sein Frauenbild an, seine scheinbar klaren Unterscheidungen von Fleißigen und Vagabunden sind fragwürdig, vorurteilsbehaftet scheint mir auch sein Blick auf Dienstboten, um nur einige Themen zu nennen, und im Streit der christlichen Konfessionen war der Anglikaner klar auf der Seite seiner eigenen Konfession.

Freilich war er in vielem seiner Zeit verhaftet. Eines aber war für Swift keine Frage: Dass wer in Not war – selbstverschuldet oder nicht –, Hilfe zu erhalten hat. „Da aber selbst die besten von uns nur zu viele Schwächen haben, für die sie eintreten müssen“, sagte er etwa in einer Predigt, „dürfen wir gegen die der andern nicht allzu streng sein. Und wenn also unser Bruder infolge von Kummer, Krankheit oder andrer Schwächung nicht mehr in der Lage ist, sein Leben zu erhalten, so sollten wir ihn nach besten Kräften unterstützen, ohne allzu genau nach den Ursachen zu forschen, die ihn in sein Elend gebracht haben.“

Musik:

National Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Bernard Herrmann: „Trees“ aus: Gulliver’s travels / Suite aus dem Film „The three worlds of Gulliver“ / „Herr der drei Welten“ von Bernard Herrmann
Label: Phase 4/London 4438992