Swift, ein Menschenfeind?

„Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift wurde nach seinem Erscheinen im Oktober 1726 zunächst begeistert gelesen. Nach und nach aber kamen kritische Stimmen auf, vor allem von Seiten der Theologen wurden Bedenken laut. Was Swift da erzähle, greife die Menschenwürde an, hieß es.

Gedanken für den Tag 1.12.2017 zum Nachhören:

Ja, „Gullivers Reisen“ ist nicht das niedliche Kinderbuch, das bis heute im Handel in zahlreichen Varianten erhältlich ist, ein nettes Märchen über Gulliver im Reich der Riesen und der Zwerge. Die Satire wurde dafür entschärft, Anstößiges, auch sexuelle Anspielungen wurden eliminiert. So konnte Gulliver in die Kinderzimmer Einzug halten, in Wort und Bild.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin, Theologin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Der Vernunft fähig

Doch „Gullivers Reisen“ in der Langfassung ist ein auch heute noch sehr verstörendes Buch. Und es sollte ja auch verstören. Jonathan Swift, Dekan von St. Patrick in Dublin, hielt seinen Lesern den Spiegel vor. Der Mensch sei die Krone der Schöpfung? Den Tieren weit überlegen, weil vernünftig? Nein. Swift räumt mit dieser Ansicht auf – sein Mensch ist grundsätzlich nicht besser als ein Tier, im Gegenteil. Unterdrückung und Ausbeutung, Lug und Betrug, Korruption und Rechtsverdrehung, Aggressivität und Gewalt allüberall.

Menschenfeind wurde Swift daher genannt, Misanthrop. Den Vorwurf griff er in einem Brief selbst auf: „Ich habe Stoff zusammen für eine Abhandlung, die beweist, wie falsch jene Bestimmung animal rationale ist, und in der ich zeige, dass sie nur rationis capax lauten sollte. Auf diesem großen Fundament der Menschenfeindschaft (…) ist das gesamte Gebäude meiner Reisen errichtet, und ich werde keine Ruhe haben, bis alle aufrechten Menschen meiner Meinung sind.“ Das schreibt Jonathan Swift im November 1725. Der Mensch sei also nicht, wie Philosophie und Theologie behaupten, per se ein vernünftiges Wesen, sondern nur eins, dass der Vernunft fähig sei. Das ist ein großer Unterschied. Aber es gibt den Menschen nicht auf, sondern ist ein ziemlich deutlicher Auftrag an ihn.

Musik:

The Pogues: „Love you till the end“ von Darryl Hunt
Label: WEA 0630112102