Nikolaus - Riten im Advent

Dann kann ich also in die Rolle des allseits erwünschten Alleskönners und Allesbringers schlüpfen, im historischen Kostüm des Kinderbischofs.

Gedanken für den Tag 6.12.2017 zum Nachhören:

Des Kinderbischofs, der halbwegs peinliche Fragen stellt (heißt es wirklich noch: ‚Abstieg zu der Hölle’?), mit diversen Helfern, Packlträgern und Schreckgestalten zur Seite, ja sogar die Gegenspieler mischen sich in meinen unaufhaltsamen Zug durch die Nacht, oder ich bin zwischendurch kurz abwesend und lass den Krampusbesessenen ihren nicht immer gewaltfreien Lauf, jaja neuerdings haben alle Masken Nummern und müssen sich vorher registrieren lassen.

Bodo Hell
ist Schriftsteller

Mithra und Krummstab dabei

Geschlechtsverwandelt erscheine ich als Pudelfrau, Kinderdiebinnen, gar Kinderfresser versuche ich loszuwerden, mit den Strohschaben könnte ich den 6/8tel-Rhythmus der Pascher im Schnalzen eingeübt haben, am Gasthof des Transvestiten komme ich bei den Hinterbergern vorbei, zu Zeiten konnte ich mich um alle Wasserberufe kümmern, errettete die Boote aus Seenot und vermochte die Schiffchen der Weber zu beschleunigen, dann klemmte ich mir wieder das Buch der rechten Lehre unter den Arm, meine 3 Kugeln der Dreifaltigkeit konnten sich in Äpfel für die Stiefel verwandeln, oder in Gestalt von Geld- oder Goldstücken erscheinen, die ich auf die schlafenden Buben warf, besser noch den mitgiftarmen Mädchen auf die Fensterbank legte.

Ich erweckte die 3 im Pökelfass einlegten Knaben des Fleischerwirten wieder zum Leben, Mithra und bischöflichen Krummstab hatte ich stets dabei, schon um Verwechslungen und Usurpationen vorzubeugen, da fuhr ich, anderswo vom Himmel herabgestiegen, im Nikolaus-Wagen vor, eine Verwandlung in den nachfolgenden Weihnachtsmann suchte ich, wo es ging, zu vermeiden, zu meinen ältesten Gaben gehörten stets bestimmte getrocknete und spätreife Früchte, mein Esel ließ mitten im Zimmer anstelle eines Misthaufens einen Berg Süßigkeiten zurück, nein Ketten- und Schellenlärm sind mir nicht zuwider, bei den verspäteten Appenzeller Silvesterkläusen höre ich gern heimlich und unerkannt zu.

Das alles zur Zeit der gesteigerten Aufregung bis zum Kipp-Punkt, in einer Bedürfniszone des sich Vergewisserns aller persönlichen Bezüge (ja habt ihr schon darüber nachgedacht, womit ihr Eure Liebsten überraschen könntet, ist die alljährliche Weihnachtspost erledigt oder sind Euch wieder die Verwandten mit ihren hässlichen Benefizkarten zuvorgekommen?), das alles in einer Zeit des Fastens und des Vergeudens, der Morgenstille beim Rorate und des Abendlärms um Punschstände in stimmungsvoll genannten Weihnachtsdörfern, aber es ist auch eine Zeit des Sauschlachtens, doch das steht auf einem anderen Blatt, und nach Bari, wo man mir nach der ersten Jahrtausendwende diese außerordentliche Basilika errichtet hat, bin ich erst wieder im Mai unterwegs.

Musik:

„Ländler Chuedrächeler“ von Anton Bruhin
Label: Urs Engeler Editor