Der Elefant im Weltladen

Er hat einen breiten, hohen Rücken, der Kopf mit Mund geht nach unten, der Rüssel zeigt nach oben. Der Elefant, der da über die Erdkugel spaziert, bildet die Entwicklung der Einkommen in den letzten 30 Jahren ab. In einer Grafik, die als Elefantenkurve bekannt geworden ist.

Zwischenruf 17.12.2017 zum Nachhören:

Beim Schwanz hinten, ganz unten wird der arme, abgehängte Teil der Weltbevölkerung sichtbar. Dort, wo sich des Elefanten Rücken befindet, ist der Anstieg der Einkommen der städtischen Mittelschichten in China und Indien abgebildet. Dort, wo der Mund nach unten geht und der Rüssel seinen Anfang nimmt, kann man die unteren Mittelschichten Europas und der USA erkennen, im aufgerichteten Rüssel sehen wir die Zunahme des Reichtums der Reichsten.

Martin Schenk
ist Sozialexperte der Diakonie Österreich

Vier Entwicklungen

Die Elefantenkurve, die auf den Weltbankökonomen Branko Milanovic zurückgeht, zeigt uns vier Entwicklungen: 1. Es gibt Regionen dieser Erde, die weiter bitter arm sind. 2. Es gibt eine Verbesserung der Einkommen in den städtischen Milieus Asiens, besonders in China. 3. Es gibt einen Verlust bei den unteren Mittelschichten in Teilen Europas und den USA. 4. Es gibt mehr Reichtum ganz oben. Die Gruppe der Superreichen mit mehr als 2 Milliarden Dollar Vermögen hat sich verfünffacht und ihr Gesamtbesitz mehr als verdoppelt.

Elefantenkurve Milanovic

Lakner/Milanovic 2013

Die Elefantenkurve

Zusammengefasst: Die großen Gewinner sind die Mittelschichten Asiens und die Superreichen im Westen, die großen Verlierer die Angehörigen der unteren Mittelschicht in den USA und Teilen Europas. Die Elefantenkurve beim Rüssel zeigt uns noch ein interessantes Detail: Der Rückgang der Mittelschicht im Westen ist dort am stärksten, wo der Sozialstaat geschwächt und abgebaut wurde. Ersichtlich in den USA, Großbritannien oder Spanien.

Die „Mitte“ gibt es nicht

Bei einem genaueren Blick auf die Mitte werden unterschiedliche Teile dieser – oft fälschlicherweise als einheitlich dargestellten - Schicht sichtbar. DIE Mitte gibt es nicht. Bezieht man neben Einkommen auch Konsum und Vermögen in die Analyse ein, dann zerfällt die Mitte in einen Teil mit Vermögen und in einen ohne, in einen mit Rücklagen und in einen ohne. Die untere Hälfte hat kaum nennenswerten Besitz.

Zwischenruf
Sonntag, 17.12.2017, 6.55 Uhr, Ö1

Wobei „Unten“ und „Mitte“ einander näher sind als „Mitte“ und „Oben“. Und das macht einen Riesenunterschied. Die untere Mittelschicht lebt nämlich solange in relativem Wohlstand mit Mietwohnung, Auto, Urlaub, Hobbies und Zukunftschancen für die Kinder, so lange Systeme des sozialen Ausgleichs existieren. Ihre Lebensqualität wird durch den Sozialstaat möglich gemacht. Pensionsversicherung, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, geförderte Mietwohnungen und öffentliche Schulen sichern den Lebensstandard und verhindern gerade in unsicheren Zeiten ein Abrutschen nach unten.

Die Gewinner und Verlierer

Die untere Mitte hat aber kein Vermögen, um Einschnitte wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit einfach aufzufangen. Und wäre sie gezwungen, Vermögen für Alter, Bildung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit anzusparen, wäre ihr Lebensstandard und ihr Konsumniveau vernichtet. Die Mitte ist dort weniger gefährdet, wo es ein starkes Netz sozialer Sicherheit gibt.

Der Sozialstaat ist nicht in erster Linie für die Armen da, sondern für alle. Und besonders stabilisierend wirkt er für die Mitte der Gesellschaft. Das zeigt uns die Elefantenkurve. Ein starkes soziales Netz stützt die Mittelschichten, und wer die Mittelschichten stützt, stützt die Demokratie.

Dort, wo des Elefanten Kopf nach unten geht und der Rüssel seinen Anfang nimmt, kann man die gefährdeten unteren Mittelschichten Europas und der USA erkennen, im aufgerichteten Rüssel sehen wir die Zunahme des Reichtums der Reichsten. Der Elefant, der da über die Erdkugel spaziert, bildet die Gewinner und Verlierer der letzten 30 Jahre ab. Sein drohend gesenkter Kopf und sein erhobener Rüssel sagen uns aber auch, wo wir gegensteuern müssen.

Buchhinweis:

Martin Schenk und Martin Schriebl-Rümmele, „Genug gejammert! Warum wir gerade jetzt ein starkes soziales Netz brauchen“, Ampuls Verlag