Der Schlüssel

Heute vor dreißig Jahren ist die Lyrikerin Rose Ausländer in einem Altenheim in Düsseldorf gestorben.

Gedanken für den Tag 3.1.2018 zum Nachhören:

Sie wurde 1901 in der zur Donaumonarchie gehörenden und heute in der Ukraine liegenden Stadt Czernowitz geboren, hielt sich mehrmals länger in den USA auf, überlebte die deutsche wie die sowjetische Besatzung in ihrer Heimatstadt, zog 1964 nach Wien, wo sie bereits in ihrer Jugend kurz gelebt hatte und ein Jahr darauf nach Düsseldorf.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Nach einem Oberschenkelhalsbruch beschloss die Sechsundsiebzigjährige, die mittlerweile im Altenheim der jüdischen Gemeinde lebte, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen. In den elf Jahren, die ihr bis zu ihrem Tod am 3. Jänner 1988 noch blieben, konzentrierte sie sich ganz auf das Schreiben und veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, darunter den sehr bekannten „Im Atemhaus wohnen“. Darin findet sich das folgende Gedicht:

Der Schlüssel

Mein Zimmer
hat viele Türen

Jede führt
in ein anderes Zimmer
mit vielen Türen

Wortlos gehe ich
von Tür zu Tür
von Zimmer zu Zimmer

ich höre mein Schweigen

höre fremde Stimmen
ein Echo von Worten
hinter einer Tür
die verschlossen ist

Wo ist der Schlüssel
das Schlüsselwort

In der Mitte dieses Gedichts steht der Satz „ich höre mein Schweigen“ – das Signal für einen sensiblen Menschen, der allein ist zwischen vielen Türen und Zimmern und verwundert. Denn die Räume scheinen endlos zu sein und voller Stille – bis auf einmal fremde Stimmen auftauchen und eine Tür, die verschlossen ist. Spätestens jetzt ist klar, dass dieses Gedicht von Rose Ausländer, das etwas von den Parabeln Kafkas an sich hat, ein Bild des Lebens, des menschlichen Daseins zeichnet. Es mündet in eine unbeantwortete Frage: „Wo ist der Schlüssel / das Schlüsselwort“. Religionen und Philosophien versuchen, darauf eine Antwort zu geben, aber keine kommt daran vorbei, dass das Leben ein Geheimnis ist – ein Geheimnis, das Verwunderung und Staunen hervorruft und viele Fragen. Ein Geheimnis, das oft in der Stille aufleuchtet, wenn man das eigene Schweigen nicht überhört.

Buchhinweis:

Rose Ausländer, „Im Atemhaus wohnen. Gedichte“, Fischer TB

Musik:

„Dekalog V“ aus: DEKALOG / Soundtrack von Zbigniew Preisner
Label: Pomaton POM CD 018