Gnade vor Leistung

Am Festtag der „Taufe des Herrn“, an dem wir vom Wohlgefallen Gottes hören, das Jesus schon am Beginn seines öffentlichen Wirkens erfährt, erinnert Wolfgang Palaver daran, dass im Christentum die Gnade der Leistung vorausgeht, und diese daher auch nicht zu den obersten Sozialprinzipien zählt.

Morgengedanken 7.1.2018 zum Nachhören:

An diesem Sonntag feiert die katholische Kirche die „Taufe des Herrn“. Dieses Fest gedenkt jenes Momentes am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu, als er sich von Johannes dem Täufer am Jordan taufen ließ und sich plötzlich – als er aus dem Wasser stieg – der Himmel öffnete und eine Stimme sprach „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1,11)

Wolfgang Palaver
ist Sozialethiker an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck

Solidarität und Nächstenliebe

Vor fast 20 Jahren nahm ich genau an diesem Tag an einem Gottesdienst in Berlin teil. Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Prediger betonte, dass Jesus hier das volle Vertrauen ausgesprochen wird, obwohl er erst am Beginn seines Wirkens stand, als er noch keine Erfolge im Verkünden oder Heilen vorweisen konnte. Der Prediger fragte uns Eltern dann, ob auch wir unseren Kindern unser Wohlwollen vor allen positiven Leistungen zukommen lassen. Ich fühlte mich ertappt, denn oft erfolgte mein Lob erst nach guten Schulnoten oder Erfolgen im Sport.

Dieser Sonntag lässt uns verstehen, dass im Christentum das vorausgehende Wohlwollen, die zuvorkommende Gnade jedem reinen Leistungsdenken übergeordnet ist. Das Leistungsprinzip hat seine Berechtigung, muss sich aber in den Dienst der wichtigeren Sozialprinzipien wie der Solidarität oder der Nächstenliebe stellen.