Wer ist der Nächste?

In der Nächstenliebe dürfen nationale, kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit letztlich keine Rolle spielen. Wolfgang Palaver verweist dazu auf die Tradition der Nächstenliebe in der hebräischen Bibel und auf das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter in Neuen Testament.

Morgengedanken 11.1.2018 zum Nachhören:

Kürzlich hat mich ein Theologe, der sich unter anderem auch um Flüchtlinge und engagierte Helfer kümmert, gefragt, ob wir Christen für getaufte Flüchtlinge mehr Verantwortung als für Andersgläubige oder Nichtgläubige hätten. Wenn alle Seiten in den Blick genommen werden, ist das gar keine ganz einfache Frage.

Wolfgang Palaver
ist Sozialethiker an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck

Notwendige Hilfe

Aus biblischer Sicht möchte ich aber darauf hinweisen, dass der Nächste immer genau jener Mensch ist, der gerade jetzt meine Aufmerksamkeit und Hilfe braucht, unabhängig von jeder nationalen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit. Oft haben Christen dem Judentum vorgeworfen, dass es das Gebot der Nächstenliebe nur auf das eigene Volk beziehe. Ein solcher Vorwurf geht aber am Text der hebräischen Bibel vorbei, wie große jüdische Denker betont haben. So gründet die biblische Aufforderung, die Fremden zu lieben (Dtn 10,19), in der Einsicht, dass Gott selbst, die „Fremden liebt“ (Dtn 10,18). Und ein besonders schöner Vers aus dem dritten Jesaja betont, dass der Friede nicht nur den Nächsten, sondern auch den Fernen gilt: „Friede, Friede den Fernen und den Nahen, spricht der Herr“ (Jes 57,19).

Im Neuen Testament wird diese prophetische Linie beispielsweise im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter fortgesetzt. Auch hier geht es um die rasche, notwendige Hilfe – unabhängig von religiöser oder nationaler Zugehörigkeit.