Nachkriegsmythen

Der New Yorker Historiker Tony Judt hat 1993 als erster vom Phänomen des Zerbrechens der europäischen Nachkriegsmythen gesprochen. Die Konflikte um das Gedächtnis wurden und werden zwar im nationalen Rahmen geführt, aber sie ergeben ein gemeinsames transnationales europäisches Muster:

Gedanken für den Tag 12.1.2018 zum Nachhören:

Die verdrängte Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen und insbesondere am Holocaust wurde Ende der 1980er Jahre in ganz Europa, in praktisch allen Ländern des ehemaligen nationalsozialistischen Herrschaftsbereichs, zu einem heißen Konfliktthema. Gerade diese Konflikte haben, wie Tony Judt sagt, zum Zerbrechen der europäischen Nachkriegsmythen geführt. Offenkundig konnte erst eine neue Generation, die nicht in die NS-Zeit verstrickt war, einen genauen Blick auf die traumatische Geschichte der eigenen Gesellschaft richten.

Heidemarie Uhl
ist Historikerin

„Wie war das möglich?“

Der Kampf der Generation of Memory gegen die Mythen von der Unschuld des eigenen Volkes hat das europäische Geschichtsbild entscheidend verändert. Auch das offizielle Österreich hat sich von der Opferthese verabschiedet und zur „Mitverantwortung“ an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannt.

Die Grunderfahrung der Generation of Memory ist aber nach wie vor brisant und gegenwärtig: Es ist die Irritation darüber, dass der Zivilisationsbruch Auschwitz, die Vertreibung, Entrechtung, Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, in der eigenen Gesellschaft erfolgt ist und dass darüber jahrzehntelang geschwiegen wurde. Die zentrale Frage, wie war das möglich, gewinnt vor allem im lokalen Umfeld an Brisanz. Denn im eigenen Dorf, in der eigenen Institution wirft die Erinnerung an die Opfer immer auch die Frage nach den verantwortlichen Tätern auf. Und dabei handelt es sich oft nicht um abstrakte Kategorien wie Polizei, Gestapo oder SS-Einheiten, sondern um Nachbarn, Kollegen, Bekannte, Familienmitglieder. Im Lokalen ist die Erinnerung nach wie vor schmerzhaft und konfliktbeladen, gerade weil sie vielfach in die Familiengeschichte reicht. Diese Irritation wird bleiben.

Musik:

Rundfunk Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Heinz Rögner: „Marschtempo - 4. Satz“ aus: „Suite Nr. 2 op. 24“ von Hanns Eisler, aus dem Film „Niemandsland"
Label: Berlin Classics 0092282 BC