Gedenkjahr - Bedenkjahr

1988 wurde der Begriff Gedenkjahr erfunden – ein ganzes Jahr stand im Zeichen der Auseinandersetzung mit dem Anschluss 1938 und den Jahren des Nationalsozialismus in Österreich.

Gedanken für den Tag 13.1.2018 zum Nachhören:

Das Gedenkjahr war die Antwort auf das Waldheim-Jahr 1986, in dem das bisherige Geschichtsbild von Österreich als „erstem Opfer“ des Nationalsozialismus zerbrochen war. Nun stehen wir am Beginn eines neuen Gedenkjahrs und die Karten sind neu gemischt. Jede Generation stellt neue Fragen an die Geschichte – und auch das Interesse, die gesellschaftliche Resonanz ändert sind.

Heidemarie Uhl
ist Historikerin

Stachel in der österreichischen Geschichte

Für mich als Angehörige der Generation Gedächtnis ist es faszinierend zu sehen, wie brennende Fragen der Gegenwart einen neuen Blick in die Vergangenheit ermöglichen, ja man könnte sagen, sogar erfordern. Wie mit einem Schlaglicht werden Ereignisse neu beleuchtet, andere historische Bezugspunkte verblassen. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Gefährdung der Demokratie, gerade auch in Europa, richtet sich ein neuer Blick auf 1918 als das Jahr, in dem die Grundlagen unseres demokratischen Systems gelegt wurden – und das geschah mitten in einer existentiellen Krisensituation: von der Front zurückströmende Soldaten, Flüchtlinge aus allen Teilen der Monarchie, Hunger, Mangel an Brennmaterial.

In dieser Situation sind die noch in der Monarchie gewählten Volksvertreter aller Parteien über ihren Schatten gesprungen und haben gemeinsam Demokratie und Republik aus der Taufe gehoben. Eigentlich ein demokratisches Wunder, und im europäischen Vergleich nahezu unblutig. Auf diesen Moment in unserer Geschichte, und das sehen wir heute besonders deutlich, können wir wirklich stolz sein. Es geht aber auch um die heute wieder aktuelle Frage, wie kann es sein, dass ein demokratisches System zerstört werden kann, wie wir es in Österreich 1933/34 und in der Zwischenkriegszeit in fast allen europäischen Ländern beobachten können. Meine Generation hätte es nie für möglich gehalten, dass es einen Rückbau der Demokratie geben kann. Bereits am Beginn des Gedenkjahres 2018 zeigt sich, dass 1918 im Vordergrund steht und der „Anschluss“ 1938 doch geringeres Interesse findet.

Dennoch, dieser Stachel 1938 in der Geschichte unserer Gesellschaft bleibt nach wie vor wirksam: Wie konnte es geschehen, dass in den „Anschluss“-Tagen im März 1938, noch vor der Errichtung der NS-Terrorregimes, die jüdische Bevölkerung von ganz normalen Österreicherinnen und Österreichern gejagt und terrorisiert wurde. Die Bilder von den sogenannten „Reibpartien“, Jüdinnen und Juden wurden gezwungen, die Straßen von den Parolen für ein unabhängiges Österreich zu reinigen – diese Bilder sind eine Erinnerung, die nicht aufhört weh zu tun.

Musik:

Johannes Walter/Flöte, Kurt Mahn/Oboe und Jutta Zoff/Harfe: „Sonate für Flöte, Oboe und Harfe op. 49“ von Hanns Eisler
Label: Berlin Classics 0092312 BC