Die Pastoren-Märtyrer des Baltikums

Am großen Friedhof der lettischen Hauptstadt Riga steht der sogenannte Märtyrerstein, ein über zwei Meter hoher Obelisk aus schwarzem Granit. Er verzeichnet die Namen von 40 deutsch-baltischen und lettischen Pastoren der lutherischen Kirche, die in den Jahren 1918 und 19 von Bolschewiken ermordet wurden.

Gedanken für den Tag 20.1.2018 zum Nachhören:

Das geschundene Baltikum erlebte davor die Auswüchse des zaristischen Regimes und danach blutige Unabhängigkeitskriege, die wenige Jahre Selbstständigkeit bescherten. Im Ersten wie Zweiten Weltkrieg wurde es mehrfach von der russischen und deutschen Kriegsmaschinerie überrollt und erlebte abwechselnd die Schreckensregime Stalins und Hitlers. Damit stehen die 40 Pastoren stellvertretend für Millionen Tote, allzu viele nicht zu Ende gelebte Leben, die unselige Jahrzehnte seit 1914 verschuldet haben: menschenverachtende Ideologien, nationaler Hass, zuletzt vermehrt wieder religiöser Fanatismus.

Rupert Klieber
ist Kirchenhistoriker an der Universität Wien

Gewahrte Würde

Die christlichen Kirchen haben darauf mit dem großzügigen Verleihen eines alten Titels reagiert. Die russisch-orthodoxe Kirche etwa deklarierte zur Jahrtausendwende mehr als eintausend Personen, darunter die ermordete Zarenfamilie, zu Neu-Märtyrern. Die armenische Kirche erklärte gar alle eineinhalb Millionen Opfer des Genozids von 1915 zu Blutzeugen.

Auch die neuen Märtyrer-Viten sind typisch für diese bald zweitausendjährige christliche Gedächtniskultur. Sie tradieren viele religiöse Klischees und klammern eigenes schuldhaftes Verstricken der Betroffenen in die Geschehnisse meist schamhaft aus. Ebenso aber vermittelt sie eine zentrale Botschaft, die sich auch in den letzten Briefen der ermordeten Pastoren spiegelt: Gefestigter Glaube befähige dazu, auf Gewalt nicht mit Gewalt zu antworten, selbst bei äußerster Brutalität Haltung zu zeigen und damit eine Würde zu wahren, die nicht geraubt werden kann, weil Gott sie verleiht.

Musik:

Frank Stadler/Violine und Luis Magalhaes/Klavier: „Balada : Con moto - 2. Satz“ aus: „Sonate für Violine und Klavier“ von Leos Janacek
Label: CD TwoPianos 1039084