„Sätze lesen“

Zum 150. Todestag von Adalbert Stifter: „Sie sahen das Mädchen über die Sandlehne empor gehen, und sahen es seitdem nie wieder.“

Gedanken für den Tag 22.1.2018 zum Nachhören:

Dieser Satz aus der Erzählung Katzensilber von Adalbert Stifter lässt in seinem ersten Teil ein Bild entstehen, das so in der Erzählung zu wiederholtem Male schon entstanden ist und also trotz des herzzerreißenden Abschieds, der diesem Satz vorausgeht, die Erwartung weckt, dass dieses Bild, das von dem über die Sandlehne emporgehenden Mädchen, sich auch in der Zukunft wiederholen wird.

Michael Donhauser
ist Schriftsteller

Als Nachbild unvergänglich

Denn Vertrauen stellt sich durch Wiederholung ein, und indem Adalbert Stifter noch und noch wiederholt, nämlich Beschriebenes und Erzähltes in Variationen wiederholt, schafft er eine Welt gegen den Verlust, eine Welt allerdings, die nie manifest, sondern immer bedroht ist von dem, was hier mit den beiden Worten nie wieder gesagt wird. Es wiederholt sich in diesem Satz sehr wohl das Sehen, wenn er lautet: „Sie sahen das Mädchen über die Sandlehne empor gehen, und sahen es seitdem nie wieder.“ Doch dieses Sehen ist eines, das gerade als wiederholtes die Unzuverlässigkeit des Gesehenen miteinschließt, denn das Mädchen ist im zweiten Teil des Satzes zwar noch ein es, doch als solches schon nur mehr Nachbild des über die Sandlehne emporgehenden Mädchens.

Mit den Worten nie wieder aber wird dieses Nachbild gerade durch die so verbürgte Unwiederholbarkeit in einer Weise unvergesslich, wie dies durch keine Wiederholung möglich war. Das heißt: Die Wiederholung des über die Sandlehne emporgehenden Mädchens in der Erzählung Katzensilber erreicht, was sie sucht, nämlich ein Bleibendes, gerade in der Negation der Wiederholung, in der Verneinung des Wieder durch ein Nie. Denn das Gesuchte, das Bleibende, ist entgegen allen Bemühungen gerade als Verlorenes das Wiedergefundene: als Nachbild unvergänglich.

Buchhinweis:

Michael Donhauser, „Waldwand“, Verlag Matthes & Seitz

Musik:

Jean Pierre Rampal/Flöte, Isaac Stern/Violine und Franz Liszt Kammerorchester unter der Leitung von Janos Rolla: „Andante - 2. Satz“ aus: „Konzert für Flöte, Violine, Streicher und Cembalo in g-moll RV 517“ von Antonio Vivaldi
Label: Sony SK 45867