Die Mappe meines Urgroßvaters

In der letzten Fassung der Dichtung „Die Mappe meines Urgroßvaters“ von Adalbert Stifter unternimmt der Landarzt Augustinus während der Zeit, in der er auf die Wirkung einer verabreichten Medizin wartet und also Muße hat, einen Spaziergang durch einen angeblichen Garten.

Gedanken für den Tag 23.1.2018 zum Nachhören:

Er besteigt in diesem Garten einen Hügel und auf dem Hügel das Gemäuer einer Ruine, worauf es, da er oben angelangt ist, heißt: „In Weite und Breite ging das schöne Land von mir hinaus.“

Verzicht auf ein Ich

Damit nun aber sind das Ich und das Land in ein Verhältnis gesetzt, das nicht eines einer Gegensätzlichkeit ist zwischen dem stehenden Ich und dem gehenden Land, sondern das Ich ist der Ausgangspunkt für das Land, das von ihm hinaus geht. Es geht weder nur hin im Zeichen des Verlusts, noch geht es von dem Ich nur aus im Zeichen einer Expression, und es geht weder bestimmt in die Weite und Breite, noch bleiben Weite und Breite unbestimmt, denn sie werden als Erstreckung des Hinausgehens genannt. Diese Art des Hinausgehens ist an das Ich gebunden und verlässt es, beides in einem, sie unterläuft das übliche Subjekt-Objekt-Verhältnis wie auch allen Ausdruck einer Ergriffenheit, der mit einer Fernsicht oft einhergeht.

Michael Donhauser
ist Schriftsteller

Denn was da hinausgeht, wird schlicht das schöne Land genannt. Das ist fern allen Stimmungskitsches und erzeugt doch Stimmung, doch nicht durch Beschreibung und Wortreichtum oder gar Außergewöhnlichkeit, sondern allein durch ein der Sprache Innerstes, durch den Rhythmus nämlich, der die Bewegung des Hinausgehens übersetzt. Er tut dies, indem der Satz etwas stockend beginnt, doch durch die Wiederholung des Ei-Lautes eine Harmonie erstellt: In Weite und Breite.

In der Folge aber gibt sich, was da noch leise stockte, einem Fließen hin, wenn es heißt: ging das schöne Land von mir hinaus. Das ist Dichtung, betörend in ihrem Verzicht auf ein Ich, das mehr sein will als Ausgangspunkt für ein schönes Land.

Buchhinweis:

Michael Donhauser, „Waldwand“, Verlag Matthes & Seitz

Musik:

John Steele Ritter/Cembalo, Jean Pierre Rampal/Flöte und Isaac Stern/Violine: „La Coulicam: Rondement - 1. Satz“ aus: „Suite Nr. 1 in c-moll“ von Jean Philippe Rameau
Label: Sony SK 45868