Das Hingehen der Zeit

„So ging die Zeit hin, es mochte eine heitere trockene Wintersonne sein, oder Schneegestöber sein, oder Sturm sein, oder der Winternebel in die Zweige der Tannen herab reichen.“

Gedanken für den Tag 25.1.2018 zum Nachhören:

Dieser Satz findet sich in dem Dichtungsversuch Witiko von Adalbert Stifter, und die Zeit, die da hingeht, hin nämlich, ohne dass ihr ein Ziel gesetzt wäre, diese Zeit wird hier gerade durch das, was ihre Gleichförmigkeit nicht zu unterbrechen vermag, also durch den Wechsel des Wetters, in ihrer Gleichförmigkeit veranschaulicht. Dies geschieht allerdings und vor allem auf der klanglichen Ebene, denn da wird anfangs das Hingehen in einen Wechsel von O-Lauten und Ei-Lauten übersetzt, wenn es heißt: es mochte eine trockene heitere Wintersonne sein. Der O-Laut setzt sich in der Folge in dem wiederholten Wort oder fort, der Ei-Laut in dem Wort sein.

Michael Donhauser
ist Schriftsteller

Unter der Wahrnehmungsgrenze

Doch das Klingende, es wird dann durch das geräuschhafte Sch oder St ersetzt, wenn da von Schneegestöber und Sturm die Rede ist. Der Winternebel variiert darauf die Wintersonne, und mit den Zweigen kehrt der helle Ei-Laut wieder, wenn auch gefolgt von einem Laut, der wie kein anderer immer wieder durch alles Helle scheint, nämlich dem A-Laut, dem Wald-Laut, hier in den Worten Tannen und herab, da es vom Winternebel heißt, dass er in die Zweige der Tannen herabreichen mochte.

Mit dem Wort reichen findet die Reihe der Ei-Laute und damit der Satz vom Hingehen der Zeit einen halboffenen Schluss, und so ist, was da hingeht, komponiert, und dies mit einer Leichtigkeit, die den Leser kaum wahrhaben lässt, dass er teilhat an ebenjenem Hingehen der Zeit. Denn das Lautliche, es wirkt unterschwellig, gleichsam unter der Wahrnehmungsgrenze, dort also, wo das Hingehen nicht nur behauptet, sondern übersetzt wird, übersetzt in eine hingehende Sprache.

Buchhinweis:

Michael Donhauser, „Waldwand“, Verlag Matthes & Seitz

Musik:

John Steele Ritter/Cembalo, Jean Pierre Rampal/Flöte und Isaac Stern/Violine: „La Marais: Rondement - 3. Satz“ aus: „Cinquieme Concert / Suite Nr. 5 in d-moll“ von Jean Philippe Rameau
Label: Sony SK 45868