Jeder ist der Nächste

Als Reinhold Stecher 1927 als Fünfjähriger eingeschult wurde, nahm ihn seine Mutter zur Seite und liebevoll ins Gebet.

Gedanken für den Tag 30.1.2018 zum Nachhören:

Sie sagte, er würde nun Menschen begegnen, die er nicht kannte und die unter Umständen andere Werte, andere Ansichten und einen anderen Glauben hatten als er und seine Familie, die katholisch und bildungsbürgerlich war. Aber ganz gleich, wie diese Unterschiede auch aussähen, er musste allen mit Respekt und offenem Herzen, offenen Ohren, offenem Geist begegnen, ohne Ausnahme.

Martin Kolozs
ist Philosoph und Schriftsteller. Die Biografie „Bischof Reinhold Stecher: Leben und Werk“ ist im Styria-Verlag erschienen.

„Man fragt nach der Not“

Dieses kurze Gespräch machte auf den Jungen einen solchen Eindruck, dass er nicht nur bis an sein Lebensende davon berichtete, sondern sein ganzes Fühlen, Denken und Handeln jederzeit danach ausrichtete. Seine Maxime dabei lautete: Alle Menschen sind Kinder Gottes, unabhängig wer oder was sie sind. Das Gebot der Nächstenliebe lässt sich nicht beschränken, es gilt für jeden, als sein Recht und als seine Pflicht.

Viele Entscheidungen, die Reinhold Stecher als Bischof von Innsbruck, und in den Jahren davor und danach, getroffen und durchgesetzt hat, spiegeln diese Überzeugung wieder: Das Gebot der Nächstenliebe ist unveräußerlich, immer und überall. Reinhold Stecher bezog eine klare Gegenposition zum Schwangerschaftsabbruch, was ihn für manche als konservativ erscheinen lässt. Aber bedenkt man andererseits seine Antwort auf die Flüchtlingskrise und unseren Umgang damit – „Man fragt nach der Not, nicht nach dem Glaubensbekenntnis“ –, erkennt man, dass seine Ansichten nicht willkürlich waren, sondern alle in einem Menschen- bzw. Gottesbild wurzelten: Der Mensch ist von Gott geliebt und aufgerufen, seinen Nächsten zu lieben. Denn Jesus sagte: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“

Musik:

„Mellom bakker og berg“ von Carl Michael Bellman, bearbeitet von David Hynes
Label: Match MAT 153 CD