Himmlisches Jerusalem

Israel ohne Klischees zu denken, fällt schwer. Das Heilige Land, das Gelobte Land, das Land der Bibel, das sind nicht nur Überschriften aus Prospekten für Pilgerreisen.

Gedanken für den Tag 9.2.2018 zum Nachhören:

Jerusalem zum Beispiel. Kaum jemand hat dazu keine Bilder im Kopf. Dass sich das „Himmlische Jerusalem“ vom irdischen des 21. Jahrhunderts gewaltig unterscheidet, wissen wir alle und doch kann man sich vor Ort seiner spirituellen Ausstrahlung kaum entziehen.

Jerusalems Altstadt

Ist doch kaum ein anderer Quadratkilometer Boden der Welt so aufgeladen mit Heiligkeit wie Jerusalems Altstadt. Die Gläubigen der verschiedenen Religionen, die in den engen Gassen aneinander vorbeilaufen, für mich sind sie das Faszinosum dieser Stadt. Die einen eilen zur Klagemauer, andere zur Grabeskirche und wieder andere zur Moschee auf den Tempelberg. Sie versuchen einander auf ihren Wegen nicht in die Quere zu kommen, meistens jedenfalls, und den Händlern im Bazar sind sie alle willkommen.

Anita Pollak
ist Journalistin

Wann immer ich nach Jerusalem komme, zieht mich die Klagemauer, also der letzte Überrest des ehemaligen Tempels, wie ein Magnet an. Möglichst schnell eile ich durch die dunklen Gassen darauf zu und dabei hätte ich es ja meist gar nicht eilig. Erst dort, vor der uralten Wand, fällt diese Eile von mir ab. Um mich herum stehen, sitzen Frauen. Junge Mädchen, Soldatinnen in Uniformen, mehr oder weniger orthodoxe Frauen mit Kopfbedeckungen und solche, die ein Tuch um ihre nackten Schultern geschlungen haben.

Leise beten sie vor sich hin, murmeln in sich hinein. Viele weinen. Es ist gut, hier zu sein, bei ihnen zu sein, in der Nähe dieser Frauen. Alle suchen sie einen Platz, um die Quader mit ihren Händen zu berühren, eng zusammengefaltete Zettelchen mit ihren Wünschen in die übervollen Steinritzen zu stopfen. Immer wieder fallen welche hinunter.

Für mich ist dieser schmale Mauerstreifen, an dem Juden seit Jahrtausenden beten, ein Symbol für menschliches Leid und die menschliche Hoffnung auf Erlösung davon.

Buchhinweis:

Ben & Daniela Segenreich, „Fast ganz normal. Unser Leben in Israel“, Verlag Amalthea 2018

Musik:

Wolfgang Meyer/Klarinette und Jascha Nemtsov/Klavier: „Canzonetta: Großmutters Geschichte“ aus: VIER HEBRÄISCHE MELODIEN IN FORM EINER SUITE bearbeitet von Simeon Bellison, Komponisten: Grzegorz Fitelberg, Jacob Weinberg und Boris Levenson
Label: hänssler Classic CD 93094