Taghelle Nacht

In Friedrich Schillers Ballade „Die Glocke“ – dem Schrecken früherer Schüler-Generationen – wird u.a. der Brand einer Stadt nach einem Blitzschlag geschildert. „Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet“, heißt es da. Ja, es bedurfte eines Großfeuers, die Nacht taghell zu machen.

Gedanken für den Tag 16.2.2018 zum Nachhören:

In unseren Zeiten gelingt das mit weniger Aufwand und vor allem mit weniger Schaden. In Häusern und Städten macht moderne Beleuchtung buchstäblich die Nacht zum Tag. Alles kann in der Nacht weitergehen, als wäre es Tag: die Arbeit, die Unterhaltung, die Versorgung. In unserer modernen Welt und Zivilisation kann sich der Mensch kaum noch ausmalen, mit welcher Sehnsucht Menschen früherer Epochen auf das Licht des Tages gewartet haben. Eine einmal alltägliche Kontrast-Erfahrung ist weitgehend verloren gegangen. Kein Mensch käme auf die Idee, der sinkenden Sonne Gebete und Opfer zu widmen, auf dass sie anderntags wieder aufgehe.

Franz Josef Weißenböck
ist katholischer Theologe und Autor. Das Buch „Credo“ ist im Verlag Va bene erschienen.

Der ewige Sabbat

Den Sonnenaufgang zu erleben, ist vielfach bereits zu einer touristischen Attraktion geworden. Schon in tiefer Finsternis brechen Menschen auf, um etwa den Sonnenaufgang auf dem Mosesberg zu erleben.

Die Beleuchtung unserer Wohnungen und Städte, die vielfach bereits einen Grad erreicht hat, der als Lichtverschmutzung bezeichnet wird, hat auch die Erfahrung der Dämmerung verschwinden lassen. Die kurze Zeit zwischen Nacht und Tag und Tag und Nacht, in der die Welt ihre Farben verliert, in der die Dinge zu verschwimmen anfangen und ihre Gestalt für das menschliche Auge unsicher wird.

Im Judentum, aber auch beim islamischen Fasten, kommt der Dämmerung eine besondere Bedeutung zu. Denn sie ist die Zeit, in der der Sabbat anbricht und die Arbeit aufhören soll. Der Sabbat beginnt, lautet eine Hilfe zur Feststellung dieses Zeitpunkts, wenn du einen weißen Nähfaden nicht mehr von einem schwarzen unterscheiden kannst. Der Sabbat beginnt, wenn du ein Schaf nicht mehr von einem Hund unterscheiden kannst, eine andere. Der ewige Sabbat aber fängt an, wenn du den Bruder nicht vom Feind unterscheidest.

Musik:

„Anthem“ von Leonard Cohen
Label: Columbia COL 4882372