Was bleibt?

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Ist es nach dem Verlust eines lieben Menschen die Trauer, die alles zudeckt – oder hat auch die Dankbarkeit für das gemeinsam Erlebte Platz?

Morgengedanken 2.3.2018 zum Nachhören:

Was bleibt? Das ist die Frage, die die trauernden Hinterbliebenen nach einem Todesfall oft am meisten beschäftigt. In den Trauergesprächen, die ich zur Vorbereitung eines Begräbnisses führe, geht es immer auch um eine Art Spurensuche. Manchmal dauert es ein wenig, bis mir deutlich wird, welche unverwechselbaren Spuren der verstorbene Mensch hinterlassen hat.

Roland Werneck
ist evangelisch-lutherischer Pfarrer in Wels, Oberösterreich

Das Geheimnis der Erlösung

„Die Oma hat ein ganz normales Leben gehabt. Da war eigentlich nichts Besonderes.“ – Das war die erste Reaktion des Enkels auf meine Frage nach den Spuren. Im Lauf des Gesprächs habe ich dann erfahren, dass die Oma das beste Gulasch der Welt kochen konnte und dass sie im hohen Alter noch begann, mit ihren Urenkeln Fußball zu spielen! Na, wenn das nichts Besonderes ist!

Wenn wir uns von lieben Menschen verabschieden müssen, steht oft zunächst die Trauer der Dankbarkeit und der Erinnerung im Weg. Manchmal ist es ein langer und mühevoller Weg, bis wir erkennen können, wie wichtig der verstorbene Mensch für unser eigenes Leben war und wie er uns geprägt hat. „Das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung“ hat einmal ein berühmter Rabbiner gesagt. Um die Erinnerung zu bewahren, braucht es Rituale. Eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen. Das kann helfen, die Spuren unserer Verstorbenen nicht zu verlieren.