Begräbnis eines Gauklers

Folgendes Gedicht stammt aus dem Tagebuch von Bertolt Brecht – er beschreibt damit das Begräbnis von Frank Wedekind, der heute vor 100 Jahren, am 9. März 1918, in München gestorben ist.

Gedanken für den Tag 9.3.2018 zum Nachhören:

„Sie standen ratlos in Zylinderhüten.
Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben,
Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten:
Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.“

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Der höchste Genuss

Sein Begräbnis war ein Skandal, denn daran nahmen nicht nur die ratlosen Herren in Zylinderhüten teil, die Brecht beschreibt, sondern nicht wenige Prostituierte, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Und da war auch noch sein geistig umnachteter Verehrer Heinrich Lautensack, der nur mit Mühe daran gehindert werden konnte, ins offene Grab hineinzuspringen.

Frank Wedekind, der Gaukler, wie ihn Brecht so treffend nennt, müsste dieses Begräbnis eigentlich genossen haben. Er liebte die Provokation und den Skandal, und er liebte das Spiel. Gerne ist er in seinen Stücken selbst aufgetreten, vor allem auch als der vermummte Herr am Ende von „Frühlings Erwachen“ – als einer, der einen Jugendlichen weglockt vom Friedhof und vom Todeswunsch und ihn wieder zum Leben verführt.

Und Wedekind liebte den Genuss. In einem seiner Gedichte zieht er Bilanz und sagt, was für ihn der höchste Genuss ist:

„Wie hab’ ich nun mein Leben verbracht?
Hab’ viel gesungen, hab’ viel gelacht,
Unzähligen Menschen Freude beschert,
Doch den Fröhlichen stets lieber zugehört.
Denn mein Gedicht, wenn man’s nicht übel nimmt,
War immer zuerst nur für mich bestimmt.
Und ward’s mit den Jahren wesentlich stiller,
Mir selber pfeif’ ich noch oft einen Triller
Im Genusse der höchsten Lebensgabe,
Daß ich nie einen Menschen verachtet habe.“

Buchhinweise:

  • Frank Wedekind, „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“, Reclam Verlag 2013
  • Frank Wedekind, „Lulu. Erdgeist. Die Büchse der Pandora“, Reclam Verlag 1999
  • Frank Wedekind, „Der Marquise von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen“, Wallstein Verlag 2018

Musik:

Dimitri Alexeev/Klavier: „Walzer für Klavier in h-moll op. 69 Nr. 2“ von Frederic Chopin
Label: EMI 7475012