Vor dem „Anschluss“

Schwerpunktsendung „Vor dem ‚Anschluss‘“. 80 Jahre danach fragt „Lebenskunst“, was aus den Ereignissen vor 1938 zu lernen ist.

Mit brennender Sorge: Päpstliche Stimme gegen die Nazis

Es war das einzige jemals ursprünglich auf Deutsch verfasste päpstliche Rundschreiben, die Enzyklika „Mit brennender Sorge“. 1937 ließ der Vatikan den vorerst geheimen Text von Papst Pius XI. über die Alpen schmuggeln, zeitgleich wurde er dann in tausenden katholischen Pfarren verlesen: ein knappes Jahr vor den Ereignissen des „März 38“. Hitler soll getobt haben, das NS-Regime war bloßgestellt. Von den Kanzeln wurde der Personenkult um den „Führer“ verurteilt, seine Anhänger als „Wahnpropheten“ bezeichnet.

Lebenskunst
Sonntag, 11.3.2018, 7.05 Uhr, Ö1

„Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat (…) zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge“, heißt es in dem Schreiben, das mit folgenden Worten beginnt: „Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes…“ Doch weder die Enzyklika noch weitere massive Proteste von Seiten des Vatikan und das Zitieren Kardinal Innitzers nach Rom nach der Volksabstimmung am 10. April 1938 sollten etwas an Zivilisationsbruch und Völkermord durch das nationalsozialistische Regime ändern können. Der Theologe und Judaist Wolfgang Treitler hat sich mit Inhalt und Umfeld des legendären Sendschreibens auseinandergesetzt.

Mit brennender Sorge

Unterwürfigkeit und Widerstand: Die österreichischen Kirchen vor 1938

Die Haltung des katholischen Episkopats in Österreich vor 1938 war uneinheitlich. Einerseits warnte etwa schon 1933 der Linzer Bischof Johannes M. Gföllner in einem Hirtenbrief vor dem Nationalsozialismus. Es sei „unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Nationalsozialist zu sein“. Und im Dezember des gleichen Jahres verurteilten die österreichischen Bischöfe den nationalsozialistischen Rassenwahn. Danach aber lässt sich immer wieder ein ambivalentes Herumlavieren beobachten, das beschönigend „Brücken bauen“ genannt wurde, letztlich aber nichts weiter als vorauseilende Unterwürfigkeit gegenüber einer immer stärker werdenden politischen Macht war.

Das sollte sich nach dem 7. Oktober 1938 ändern, als es in Wien zu einer großen katholischen Demonstration gegen den Nationalsozialismus kam, freilich zu spät. Für die evangelische Kirche stellte die Zeit des Austrofaschismus mit seiner dezidiert katholischen Ausrichtung eine starke Belastungsprobe dar. Weil sie das katholische Österreich als Heimat ablehnten, sahen viele die Rückkehr ins „Mutterland der Reformation“ – Deutschland – als einzig mögliche Chance. Dass die Ideologie des Nationalsozialismus der christlichen Lehre diametral entgegenstand, wurde weitgehend beiseitegeschoben. Zwar gab es auch unter den Evangelischen Österreichs einzelne Mahner – Männer und Frauen, die Widerstand leisteten –, die Kirche als solche jedoch diente sich den Nationalsozialisten an. Ein Blick zurück in dunkle Zeit – und nach vorn: Was die Kirchen aus den 1930er Jahren gelernt haben. - Gestaltung: Martin Gross

Kanzler, Katholik, Kulturdeutscher: Kurt Schuschnigg am Vorabend des „Anschlusses“

Der kaisertreue Soldat und überzeugte Katholik Kurt Schuschnigg, während des „Ständestaates“ Bundeskanzler des Bundesstaates Österreich, sah sich erstmals nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg 1919 mit einer wesentlichen politischen Debatte konfrontiert, die bis zum 12. März 1938 die österreichische Innenpolitik mitbestimmen sollte: Die Frage nach dem Verhältnis zu Deutschland. Unter der Führung des katholischen Priesters und Kanzlers Ignaz Seipel (österreichische Bundeskanzler 1922 - 1924 und 1926 - 1929) konnte sich der Jesuitenschüler Schuschnigg zunehmend für die christlich-soziale Politik und den „politischen Katholizismus“, der den Anschluss befürwortete und Begriffe wie eine „österreichische Nation“ bewusst ausklammerte, begeistern. Das sollte auch im Laufe seiner politischen Karriere so bleiben, in der er nicht vor antisemitischen und faschistischen Parolen zurückschreckte.

Buchhinweis:
Gerhard Jelinek, „Es gab nie einen schöneren März. 1938: Dreißig Tage bis zum Untergang“, Verlag Amalthea

Vor dem Hintergrund der außenpolitischen Bedrohung durch das Dritte Reich argumentierte Schuschnigg freilich immer stärker für ein souveränes, wenn auch von der deutschen Kultur geprägtes, Österreich. Nach dem gescheiterten Putsch der Nationalsozialisten im Juli 1934 und der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wurde er dessen Nachfolger. Der aufgezwungene Patriotismus konnte jedoch keine Kehrtwende in der bereits stark deutsch-national, beziehungsweise nationalsozialistisch, geprägten Bevölkerung auslösen und scheiterte spätestens im März 1938 kläglich. Seine letzte Rundfunkansprache beendete Schuschnigg am 11. März 1938 mit „Gott schütze Österreich!“. Sein Amt übernahm der österreichische Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart. Schuschnigg wurde inhaftiert, in das Gestapogefängnis München und anschließend in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Flossenbürg und Dachau verbracht. Nach der Befreiung durch die US-Armee hielt sich Schuschnigg zunächst in Italien auf und wanderte 1948 in die USA aus, wo er an Universitäten Staatswissenschaften lehrte. 1967 kehrte er nach Österreich zurück. 1977 starb er 80-jährig, in Mutters, Tirol. Über Irrungen, Wirrungen – und das Gottvertrauen eines Katholiken in der Zwischenkriegszeit. - Gestaltung: Martin Gross

Stichwort: Gedenken
ESRA: Tempelgasse 5, 1020 Wien oder gedenken@esra.at

Zeitzeugen und Zeitzeuginnen gesucht

Der Psychosoziale Dienst ESRA, der sich auf dem Platz des 1938 zerstörten Leopoldstädter Tempels in Wien 2 befindet, sucht für seine große Gedenkveranstaltung rund um den 10. November Zeitzeugen, deren Kinder oder Enkelkinder. Wer auch immer Erinnerungen beisteuern kann, soll sich bitte unter dem Stichwort „Gedenken“ bei ESRA melden: Tempelgasse 5, 1020 Wien - oder gedenken@esra.at.

Der Blick, der das Unrecht von der Gerechtigkeit zu unterscheiden weiß: Bibelessay zu Johannes 3, 14 - 21

Der in katholischen Kirchen für den Vierten Fastensonntag vorgesehene Evangelienabschnitt erzählt vom Blick auf den Gekreuzigten. Severin Renoldner, Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, deutet ihn als „Heilmittel“ gegen Unrecht und Gewalt.

Bibelessay zu Johannes 3, 14 – 21

Moderation: Doris Appel

Lebenskunst 11.3.2018 zum Nachhören:

Link:

Presseerklärung der Österreichischen Bischofskonferenz „1918 - 1938 - 2018. Erinnern und Gedenken“