Lebende Götter

Sollte jemand einmal die Lust verspüren, einen Gott live zu erleben, dann sei ihm eine Reise nach Asien empfohlen. Es mag auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich erscheinen, aber ja, es gibt auch lebende Götter, auch heute noch.

Gedanken für den Tag 11.5.2018 zum Nachhören:

Diese Vorstellung lässt sich natürlich nicht mit den klassischen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam vereinbaren. Da wäre die Vorstellung, dass der eine Gott quasi hier lebt, etwas abwegig, wenn auch das Christentum die Vorstellung einer Inkarnation Gottes kennt, allerdings als einmaliges Ereignis in der Geschichte.

Franz Winter
ist Religionswissenschaftler

Gründer von neuen Religionen

Sehr wohl gibt es dieses Phänomen lebender Götter aber im Kontext Asiens: Dort ist die Vorstellung, dass eine Gottheit sogar mehrmals irdisch präsent war und sein kann, durchaus bekannt und muss dort mit den weitverbreiteten Wiedergeburtsvorstellungen verbunden werden. So ist zum Beispiel der Dalai Lama eine irdische Repräsentation einer buddhistischen höheren Wesenheit, eines Bodhisattva, konkreter des Bodhisattva Avalokiteshvara, der mit unermesslichem Mitleid ausgestattet sich den Menschen zuwendet, um sie zu retten. Der Dalai Lama repräsentiert dessen irdische Erscheinung und sollte dementsprechend agieren.

Es gäbe noch viele Beispiele für ähnlich geartete Vorstellungen. Gerne werden auch Gründer von neuen Religionen gleichsam als Götter wahrgenommen. So etwas kann man sehr oft in Japan beobachten: Dort ist die Zahl vieler kleiner Religionsgemeinschaften, die möglicherweise erst vor wenigen Jahrzehnten begründet wurden, erstaunlich hoch und vielfach werden deren Gründer quasi als „Götter“ wahrgenommen. Wenn sich diese Götter dann irgendwelche seltsamen Dinge erlauben, die menschlich, allzumenschlich erscheinen, dann kommen natürlich oft Fragen auf. Lebende Götter zu verehren ist sicher kein einfaches Unternehmen.

Musik:

Deepak Chopra: „Oceans of Ecstasy"
Label: Putumayo World Music PUT 244-2