Kreuzschnabel für alle Zeiten

Vielleicht haben Sie es ja selbst mit einem Haustier einmal erlebt: Tiere können durchaus einfühlsame Wesen sein – Hunde zum Beispiel, die versuchen, ihre Besitzer zu trösten, wenn sie traurig sind.

Morgengedanken 25.5.2018 zum Nachhören:

Als Jesus zum Sterben kam, so erzählt eine alte Legende, trauerte die ganze Natur, darunter auch zwei Finken. Sie waren hingeflogen zum Kreuzeshügel, um dem Heiland in seiner Sterbestunde nahe zu sein.

Karl Schiefermair
ist evangelisch-lutherischer Oberkirchenrat in Wien

Erfindung der Natur

Die Finken sahen auf das Kreuz und lasen in den Augen Jesu die Qual seines Leidens. „Wozu haben wir unsere starken Schnäbel?“, fragten sich die Finken. „Wir wollen die Kreuzesnägel herausziehen und den Heiland befreien.“ Gesagt - getan. Sie versuchten die Nägel aus den Kreuzesbalken zu zerren, aber die hielten fest und ließen sich nicht ziehen. In ihrem Eifer hatten die Vögel ihre Schnäbel verbogen, sodass der Oberschnabel den Unterschnabel überkreuzt. Auf solche Wiese wurde die Liebestat der Kreuzschnabel für alle Zeiten festgehalten.

Dass ihr scharfes Präzisionswerkzeug, ihr Schnabel, es ermöglicht, Samen aus den Fichtenzapfen zu ziehen, sei hier am Rande erwähnt. Schließlich ist es der Erfinderreichtum der Natur, der diese Vögel so speziell ausstattet. Aber lassen wir uns doch von der kleinen Legende anregen, darüber nachzudenken, wo unser tätiges Mitgefühl heute gefragt ist.