Das sanfte Gesicht des Islam

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide stellt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit" seine Vision von einem modernen, aufgeklärten Islam vor und liefert dabei eine faszinierende Koran-Exegese.

Eine humanistische Religion, die von Gottesliebe und Freiheit geprägt ist: Das ist nicht gerade das Bild, das sich als Erstes zum Stichwort Islam aufdrängt. Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, stellt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“ einen möglichen „anderen“ Islam vor: fern von Bildern fundamentalistischer Terrorgruppen und Hasspredigern, von Gewalt, und Unterdrückung, wie sie seit Jahrzehnten durch die Medien geistern.

Mouhanad Khorchide

dapd/Caroline Seidel

Mouhanad Khorchide

Khorchide, der 2009 in Soziologie über islamische Religionslehrer in Wien promovierte, war Imam in einer Moschee in Wien und arbeitete auch als Religionslehrer. Per Fernstudium machte er seinen Abschluss in islamischer Theologie in Beirut. Geprägt von einem liberalen Elternhaus auf der einen – Khorchides Vater besuchte eine christliche Schule in Beirut, seine Mutter studierte – und einer Schulzeit im äußerst restriktiven Saudi-Arabien auf der anderen Seite, sieht Khorchide in der landläufigen Exegese des Korans ein grundsätzliches Problem: die buchstabengetreue Auslegung.

Koran nicht zu wörtlich nehmen

Khorchide liest den Koran als ein Buch, das aus dem siebenten Jahrhundert stammt. Dass die Gebote aus diesem Text nicht mehr wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können, ist die Grundvoraussetzung für eine humanistische Koran-Exegese, wie Khorchide sie mit einiger Selbstverständlichkeit vornimmt. Wie man den heiligen Text der Muslime heute lesen und die Gebote Allahs sinnvoll befolgen kann, dafür gibt der Theologe viele Beispiele. Dabei blieben die Kernbotschaften des Propheten Mohammed erhalten, wie Khorchide deutlich festhält.

Als ein Beispiel für die Koran-Auslegung aus einer historischen Perspektive heraus ist etwa die Stellung der Frau beziehungsweise deren Erbberechtigung: Khorchide stützt sich auf eine Quelle aus dem 14. Jahrhundert, die verlangt, Mohammeds Idee, einer Tochter die Hälfte dessen als Erbe zu geben, wie ein Sohn erhält, zu „verschweigen“. Diese sei, so Khorchide, ein sehr progressiver Schritt gewesen, da Töchter in der frühmuslimischen Stammesgesellschaft gar nicht erbberechtigt gewesen seien.

Mohammed fortschrittlich in Frauenfragen

Daraus und aus anderen Stellen des Korans leitet der Theologe ab, dass Mohammed, gemessen an den Gepflogenheiten seiner Zeit, in dieser Frage so fortschrittlich agiert habe, wie es damals eben möglich gewesen sei. Denkt man den Gedanken des historischen Kontexts weiter, ist die völlige Gleichberechtigung der (muslimischen) Frau in greifbare Nähe gerückt - zumindest theoretisch.

Im Mittelpunkt von Khorchides Argumentation steht die Barmherzigkeit Gottes und die zahlreichen Beweise dafür, wie sie der Koran anführt. Mit seinem Buch möchte der Autor eine „Theologie der Barmherzigkeit als Alternative zu einer in der islamischen Welt sehr verbreiteten Theologie des Gehorsams und der Angst“ auf eine auch für Laien leicht verständliche Art darlegen. Das gelingt ihm gut: Mit vielen Belegen und Quellenangaben argumentiert Khorchide leidenschaftlich und überzeugend. Ein Buch, das Standards setzt und das man ruhig als revolutionär bezeichnen kann.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Herder, 220 Seiten, 19,60 Euro

  • „Spirituelles Wörterbuch“ von Erzbischof Lackner
    Das erste Buch des Salzburger Erzbischofs Franz Lackner zusammen mit dem Philosophen Clemens Sedmak ist ein „spirituelles Wörterbuch“ geworden. Es beleuchtet zentrale christliche Werte im Zusammenhang mit biografischen Details.
  • Stift Melk: 300 Anekdoten aus dem Klosterleben
    Einblicke ins Klosterleben gewährt das kürzlich erschienene Buch „In Zeit und Ewigkeit - Melker Anekdotensammlung“. Benediktinerpater und Stiftsbibliothekar Gottfried Glaßner hat darin 300 Anekdoten über das Stift gesammelt.
  • Kieslowskis „Dekalog“ im Volkstheater
    Krzysztof Kieslowskis „Dekalog“ - zehn Filme über jeweils eines der zehn biblischen Gebote - wird im Volkstheater als Bühnenstück aufgeführt. Premiere ist am Freitag.
  • Graz: Caritas lädt zu Open House in Notschlafstellen
    Seit 25 Jahren öffnet die Caritas in Graz obdachlosen Männern, Frauen und Kindern die Türen der „Arche 38“ und der Notschlafstelle „FranzisCa“ (vormals Haus Elisabeth).
  • Hinter Gittern mit Extremisten: Ein Imam erzählt
    Der Imam Ramazan Demir arbeitet im Gefängnis daran, radikalisierte Muslime von ihrem Gedankengut abzubringen. Terroristen wollen ihn deshalb tot sehen. In dem Buch „Unter Extremisten“ erzählt er von dem schwierigen Alltag eines islamischen Gefängnisseelsorgers.
  • Über Sinn und Ursprung christlicher Feiertage
    Wo die christlichen Feiertage ihren Ursprung haben und warum sie gefeiert werden, darüber schreibt der deutsche Theologe und Schauspieler Julian Sengelmann.
  • Buch: Vom Flüchtlingskind zur Konzertpianistin
    Mit einem Kindertransport gelangte das begabte jüdische Mädchen Lisa Jura im Zweiten Weltkrieg aus Wien nach Großbritannien, wo sie später Konzertpianistin wurde. Ihre Tochter hat nun die Geschichte ihrer Mutter niedergeschrieben.
  • Timna Brauer singt jüdisch-christliche Sakralmusik
    Die Wiener Sängerin Timna Brauer und das Elias-Meiri-Ensemble gestalten gemeinsam mit dem in der Kirche Maria am Gestade beheimateten Chorensemble „Vox Gotica“ einen Abend mit jüdisch-christlicher Sakralmusik.
  • Musliminnen-Buch: Kopftuch nur Nebensache
    Ein Buch möchte mit dem einseitigen Bild der abhängigen muslimischen Frau aufräumen. In „Mehr Kopf als Tuch“ kommen elf unterschiedliche Frauen zu Wort - zum Teil mit persönlichen Geschichten. Das Kopftuch spielt dabei nur eine Nebenrolle.
  • Schicksal vertriebener Protestanten in Salzburg Museum
    In einer neuen Ausstellung beleuchtet das Salzburg Museum ab Samstag das Schicksal von 22.000 Salzburgern, die 1731 und 1732 unter dem katholischen Fürsterzbischof Firmian aus ihrer Heimat vertrieben wurden.