Neun Generationen im evangelischen Pfarrhaus

Über neun Generationen hinweg zeichnete der Hamburger Autor Cord Aschenbrenner das Schicksal der deutsch-baltischen Pastorenfamilie Hoerschelmann nach.

Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Nietzsche, Albert Schweitzer, Gudrun Ensslin und Angela Merkel hatten eines gemeinsam: Sie entstammten einem protestantischen deutschen Pfarrhaus. Diese Institution wirkte wie keine andere als „seelisch-geistiger Fixpunkt der deutschen Geschichte“, heißt es in einem Verlagstext zu dem Buch.

Doch „Das evangelische Pfarrhaus“ ist keine geisteswissenschaftliche Abhandlung zu den genannten Prominenten - wie man nach Ansehen des Buchcovers und Durchlesen der Inhaltsbeschreibung leicht denken könnte. Es geht vielmehr um eine ganz bestimmte Pastorenfamilie, die Familie Hoerschelmann. Von ihren Lebensgeschichten ausgehend wird in dem Buch auch viel Allgemeingültiges über Pastorenfamilien der letzten Jahrhunderte erzählt.

Großer Quellenfundus

Dabei kann Autor Aschenbrenner aus einem ungewöhnlich großen Quellenfundus schöpfen. Viele Abbildungen und Familienfotos lockern die Lektüre auf, ein Stammbaum hilft, die weitverzweigte Familie einigermaßen im Blick zu behalten. Zudem hat Aschenbrenner als Pastorenenkel selbst einen familiären Bezug zum Thema.

Buchcover Das evangelische Pfarrhaus

Siedler Verlag

Buchhinweis

Cord Aschenbrenner: Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte. Siedler Verlag, 368 Seiten, 25,70 Euro

Die Hoerschelmanns, ursprünglich aus Thüringen stammend, lebten während der meisten Zeit ihrer belegten Familiengeschichte in Estland und Livland an der Ostsee, früher Teil des russischen Zarenreichs. Mit dem 1702 geborenen Johann Heinrich Hoerschelmann beginnt der Autor die Familiengeschichte. Hoerschelmanns Söhne zogen aus Thüringen ins heutige Estland, nach Reval, wie die Hauptstadt Tallinn damals von den Deutschen genannt wurde. Hier begann die Tradition der erfolgreichen Pastorenfamilie, von denen einer im 19. Jahrhundert eine Nachfahrin Martin Luthers heiratete.

Luther-Haushalt als Vorbild

Von Luther und den von ihm und seiner Frau Katharina von Bora gegründeten „Mythos vom evangelischen Pfarrhaus“ (Zitat aus dem Buch) handelt ein eigenes Kapitel, das sich vor allem mit dem Alltag, den wirtschaftlichen und sozialen Umständen im Hause Luther auseinander setzt. Luthers Haushalt galt vielen evangelischen Pastorenfamilien über die Jahrhunderte hinweg als Vorbild und Maßstab. Auch über das häusliche Leben der Hoerschelmanns und anderer protestantischer Familien erfährt man viel, unter anderem über Kindererziehung im 18. Jahrhundert oder die religiöse Praxis im Alltag.

„Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie die Religion den Alltag bestimmte, erst recht natürlich im Pfarrhaus“, schreibt Aschenbrenner im Kapitel „Erziehung im Pfarrhaus“. Der Autor zitiert hier auch den Film „Das weiße Band“ von Michael Haneke (2009), der in einem wilhelminischen Pfarrhaus kurz vor dem Ersten Weltkrieg spielt, sowie Ingmar Bermans „Fanny und Alexander“ (1982). Längst nicht in allen Pfarrhäusern sei es jedoch so streng zugegangen, meint Aschenbrenner.

Vom Alltagsleben der Pastorenfamilien

Viel erfährt man über das Alltagsleben der Pastoren und ihrer Familien, etwa wovon sie lebten. Neben den Erträgen ihrer eigenen landwirtschaftlichen Flächen mussten Pächter Abgaben in Form von Geld und Naturalien leisten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Pastoren in Estland auch richterliche Befugnisse. Gesellschaftlich waren Landgeistliche - anders als in Deutschland - dem Adel gleichgestellt.

Ein eigenes Kapitel widmet der Autor der „Pfarrersfrau“ in einigen Beispielen. Von den Pastorenfrauen wurde erwartet, dass sie nicht nur die oft große Kinderschar betreuten und unterrichteten, sie trugen meist noch für weitere „Zöglinge“ die Verantwortung, die nicht selten sogar im Pfarrhaus lebten. Zudem oblagen ihnen alle Pflichten einer Hausfrau, was in früheren Jahrhunderten auch die Pflege von Garten, Feldern, Haustieren und zahlreiche Verrichtungen im Haus umfasste.

Ein harter Job: Pastorenfrau

Und natürlich mussten sie sich auch der Gemeinde mit allen ihren Problemen widmen. Die Pfarrhäuser waren für die Gläubigen stets offen und dienten bis ins 20. Jahrhundert hinein auch als Kultur- und Bildungszentren. Dazu sollte die ideale Pastorengattin „auch noch gebildet sein und eine gute Erziehung genossen haben“, schreibt Aschenbrenner. Eine gute Mitgift konnte ebenfalls nicht schaden. Junge Pastoren heirateten oft in die Familien ihrer Ausbilder ein, bei der sie ihre „praktische Lehre“ absolvierten.

Neben dem Versuch, ein vorbildliches christliches Leben zu leben, waren Pastoren auch oft in politische Vorgänge involviert. Der Autor begleitet die Familie Hoerschelmann durch die estnische Geschichte, bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Als „Deutschbalten“ musste die Pfarrerfamilie ihre Heimat Estland 1939 verlassen, sie wurde ins „Reich“ ins heutige Polen umgesiedelt. Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Deutschland zurück.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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