Dalai Lama: Ethik wichtiger als Religion

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Das ist die Kernbotschaft eines neuen Buches mit Aussagen des Dalai Lama. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter äußert darin revolutionär anmutende Thesen.

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“: Mit diesen Worten kommentierte der Dalai Lama, der mit weltlichem Namen Tenzin Gyatso heißt, im Jänner dieses Jahres die islamistischen Terroranschläge auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris.

„Gewaltpotenzial“ aller Religionen

In dem von dem deutschen Journalisten Franz Alt zusammengestellten, Anfang Juni publizierten Buch „Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als Religion“ vertritt der Dalai Lama nun die Ansicht, dass „alle Religionen und alle Heiligen Schriften ein Gewaltpotenzial“ in sich bergen.

Der schmale Band besteht im Wesentlichen aus einem langen Interview des ehemaligen deutschen TV-Journalisten Alt mit dem Dalai Lama sowie einem „Appell“ des geistlichen Oberhaupts der Tibeter. Religion werde - auch von religiösen Führern - oft "missbraucht und instrumentalisiert, um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, argumentiert der Dalai Lama in seinem Aufruf „für eine säkulare Ethik und Frieden“.

Buchcover "Der Appell des Dalai Lama an die Welt"

Benevento Verlag

Buchhinweis

Dalai Lama und Franz Alt (Hg.): Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als Religion. Benevento, 56 Seiten, 4,99 Euro

Man brauche daher im 21. Jahrhundert eine säkulare Ethik, die auch für Atheisten und Agnostiker „hilfreich und brauchbar“ sei. Der Dalai Lama spricht von einer „elementaren menschlichen Spiritualität“, einer in den Menschen angelegten „Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung“. Dieser für ein Religionsoberhaupt recht überraschenden These verleiht der Dalai Lama durch ethische und historische Betrachtungen Gewicht.

Außerdem untermauert er sie mit Hinweisen auf evolutionswissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse der Gehirnforschung. „Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren“, ist die Überzeugung des 14. Dalai Lama.

Ethikunterricht „hilfreicher als Religion“

Seine Überlegungen zum Thema Ethik sind alles andere als banal und schlagen mitunter eine durchaus kontroverse Richtung ein, etwa wenn er schreibt: „Kinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als Religion.“ Es plädiert für eine ethische Bildung ab dem 14. Lebensjahr. Menschen könnten zwar ohne Religion, aber nicht ohne Moral auskommen, so der Dalai Lama weiter. „Ethik geht tiefer und ist natürlicher als Religion“, lautet seine These.

Der Dalai Lama mit dem TV-Journalisten und Buchherausgeber Franz Alt

Benevento Verlag/Bigi Alt

Der Dalai Lama mit Herausgeber Franz Alt

Sicher sei jedoch, dass „eine säkulare Ethik eine Schulung des Herzens, viel Geduld und ausdauerndes Bemühen“ erfordere. Zur Schärfung des Gefühls für Ethik empfiehlt der Meister der tibetischen Gelug-Schule die Stärkung „positiver Geisteszustände“, etwa durch Meditation - er selbst übe das vier Stunden am Tag. Als ein „Schlüsselelement“ seines Konzepts einer säkularen Ethik sieht der Dalai Lama die globale Verantwortung für die Umwelt und die Menschen.

„Von keiner Religion abhängig“

Als den Grundgedanken, den Kern aller Religionen, sehe er die Liebe, sagte der Dalai Lama im Gespräch mit Alt. Um die Förderung von Liebe gehe es letztlich in allen Religionen, nur mit unterschiedlichen philosophischen Ansätzen. Dennoch glaube er, dass „wir alle unsere inneren Werte entwickeln können, die keiner Religion widersprechen, die aber auch - und das ist entscheidend - von keiner Religion abhängig sind“.

Der Dalai Lama

Dalai Lama ist der Ehrentitel für den höchsten Meister der Gelug-Schule, der jüngsten der vier Schulen des tibetischen Buddhismus. Er ist das geistige Oberhaupt der Tibeter. Der 14. Dalai Lama („Ozeangleicher Lehrer“) Tenzin Gyatso wurde am 6. Juli 1935 in Osttibet geboren. Seine Anhänger sehen ihn als Bodhisattva, als Wesen, das bereits das Nirvana erreicht hat, aber freiwillig wiedergeboren ist, um den Menschen zu dienen.

Abseits der Hauptthese „Ethik statt Religion“ erörtern der Dalai Lama und der Journalist Alt in dem Buch auch den Konflikt zwischen Tibet und China, das Phänomen der Selbstverbrennungen buddhistischer Mönche als Protest gegen die Unterdrückung der Tibeter und eine mögliche Zukunft für Tibet. Auch zu allgemeineren Themen wie Klimawandel, Kriege und Waffenhandel nimmt der Dalai Lama Stellung.

„Noch einiges vor“

Die Zukunft sieht das geistliche Oberhaupt der Tibeter wie gewohnt optimistisch: Er hoffe, nach Tibet zurückzukehren, sagte der bald 80-Jährige, „wenn ich noch 5, 10, 15 oder 20 Jahre lebe, dann ganz bestimmt!“ Er habe geträumt, dass er 113 Jahre alt werde, erzählt der Dalai Lama gegen Ende des Buches. „Mein Arzt sagt, 100 werde ich bestimmt. Sie sehen, ich habe also noch einiges vor.“ Das Buch „Ethik ist wichtiger als Religion“, das als erstes Werk des Salzburger Benevento Verlags erschienen ist, steht im Internet zum Gratisdownload in acht Sprachen zur Verfügung.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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