Navid Kermani: Faszination Christentum

Der bekannte Orientalist, Friedenspreisträger und Autor Navid Kermani hat sich in „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ diesem über die Ästhetik seiner Kunstwerke angenähert.

In kurzen Kapiteln zu Themen wie „Liebe“, „Tod“, „Auferstehung“ und Personen wie „Judith“ und „Petrus“ verfolgt er jeweils einen Gedanken, der aus der Betrachtung eines Kunstwerks heraus entstanden ist. So macht Kermani die Eindrücke, die er durch Bilder oder Skulpturen von großen Künstlern wie Caravaggio, Rembrandt, Veronese, Perugino, El Greco und vielen mehr aufgenommen hat, zu Ausgangspunkten für kurze Essays, kleine gedankliche Ausflüge in eine Religion, zu der er als Muslim eigentlich keinen selbstverständlichen Zugang hat.

Caravaggios: Der ungläubige Thomas

Public Domain

Zweifeln und Staunen: „Der ungläubige Thomas“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

Seine Eindrücke sammelte der Autor wie zufällig, auf Reisen, aber auch quasi „im Vorbeigehen“ in seinem Heimatort Köln. Begleitet wurde er dabei manchmal von einem namenlosen „katholischen Freund“, der so manchem Einfall durch seine andere Sichtweise eine andere Wendung gab.

Persönliche Betrachtungen christlicher Kunst

So verleitete beispielsweise Sandro Botticellis Jesus mit dem Kreuz den Autor dazu, über das Wesen der Erotik und der Darstellung von Schönheit als weiblich nachzusinnen, angesichts einer Statuette des Jesuskindes versucht er sich Christus als Kind zu vergegenwärtigen. Seine Betrachtungen geraten fast immer sehr philosophisch, poetisch, zum Teil schwärmerisch - und ganz und gar persönlich.

Sandro Botticelli (1445-1510): Kreuztragung

Public Domain

Sandro Botticelli (1445-1510): Kreuztragung

Dabei sind die Gedankenflüge des Orientalisten durch umfassendes Wissen über Religion, Kunst und Geschichte reich unterfüttert, was jedes Kapitel zu einer kleinen Bildungsreise macht. Hingebungsvoll beschreibt der Autor Farbe, Lichteinsatz und Gestaltung der Kunstwerke. Er liest aus Gesichtern, Hintergründen, Faltenwürfen und Körperhaltungen Details heraus, die sich bei einer flüchtigen Betrachtung nicht erschließen würden.

Mutter oder Geliebte?

El Grecos „Abschied Jesu von der Mutter“ etwa gibt in den Augen Kermanis viel mehr als die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn wieder: Er sieht, wie er im Kapitel „Liebe II“ schildert, in dem Bild vielmehr die Andeutung zweier Liebender. Dass Maria auf dem Gemälde so jung, ihrem Sohn gleichaltrig wirkt, ist auch so ein Detail, das man leicht übersehen könnte.

Navid Kermani liest im Rahmen einer Buchpräsentation im Akademietheater aus seinem Buch:

El Grecos (1541-1614) "Der Abschied Christi von seiner Mutter"

Public Domain

El Grecos (1541-1614) „Der Abschied Christi von seiner Mutter“

Über die „Schönheit“ Gottes

Der Autor betont immer wieder die Sinnlichkeit der christlichen Religion vor allem in ihrer katholischen Ausprägung, und deren Ausdruck in Kunstwerken. Vergleiche führen ihn immer wieder in die Welt der Sufis und islamischen Mystiker, deren Verständnis von der „Schönheit“ Gottes Ausdruck in Tanz und Poesie findet. Die „nüchternere“ protestantische Kirche hingegen hat Kermani vergleichsweise weniger zu sagen. Aufgewachsen Anfang der 1980er-Jahre im deutschen Siegen und geprägt von einem „streng protestantischen Umfeld“, so der Sohn iranischer Einwanderer, sei es ihm nicht gelungen, etwa die Trinität wirklich zu begreifen.

Erst als Erwachsener, angesichts eines schlichten, modernen Metallkreuzes des Münchner Künstlers Karl Schlamminger (geb. 1935), sei ihm „in der ästhetischen Erfahrung, wo plötzlich aus eins doch drei werden konnten“, auf nicht intellektuell nachvollziehbare Wiese „in der ästhetischen Darstellung des Kreuzes [...] etwas anschaulich“ geworden, „was mir keine Buchweisheit je anschaulich gemacht hat“.

Buchcover "Ungläubiges Staunen. Über das Christentum"

C. H. Beck

Buchhinweis

Navid Kermani: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“, C. H. Beck, 304 S., 24,95 Euro

Den ersten Eindruck einfangen

Er habe bei der Arbeit an den einzelnen Kapiteln versucht, „diesen ersten Blick zu haben, aber ihn eben nicht naiv zu haben, wie bei der ersten Betrachtung, ohne etwas zu wissen“, sondern durch das Wissen hindurch „dennoch diesen ersten Eindruck“ auf das jeweilige Bild einzufangen, sagte Kermani im Rahmen einer Buchpräsentation im Akademietheater am Mittwoch im Gespräch mit dem Literaturredakteur Stefan Gmünder.

Als Auslöser dafür, über Bilder zu schreiben, beschreibt Kermani, wie es ihm passierte, „in eine Kirche zu stolpern“, und, ohne damit zu rechnen, plötzlich direkt vor einem Caravaggio zu stehen, einem Kunstwerk also unvorbereitet zu begegnen, und zwar noch an dem Ort, für den es ursprünglich gemalt wurde, „noch an ihrem religiösen Ort“, nicht „in ein Museum verfrachtet“.

„Überwältigtsein“ als Initialzündung

Dieses „Überwältigtsein“ in der Kirche in Rom beschreibt Kermani als Initialzündung für einen anderen Blick auf das Christentum, das sich wie andere Religionen auch ästhetisch vermittle - „nicht durch Inhalte, sondern vor allem auch durch Bilder, durch Sinnlichkeit, Musik darstellt“. Dieses Erstaunen habe bei dem Aufenthalt in Rom begonnen, und diesem sei er über die Jahre hinweg nachgegangen. „Dort, wo ich war, habe ich hingeschaut“, so der Autor. Es gebe bessere, künstlerisch wertvollere Bilder als die, die er für sein Buch ausgewählt habe, sagte er - sie hätten aber bei ihm „nichts ausgelöst“.

Navid Kermani

APA/EPA/Alexander Heinl

Navid Kermani

Diese Bilder seien „nicht fern unserer Wirklichkeit“, so Kermani. Auch jetzt würden Menschen gekreuzigt, würde Menschen der Kopf abgetrennt, sagte er mit Blick auf die Gräueltaten der Terrorgruppe IS. „Wir haben in der christlichen Kunst den ganzen Kosmos menschlichen Handeln und vor allem auch menschlicher Erbarmungslosigkeit und auch menschlichen Erbarmens.“

Gesichter der Verzückung und des Leidens

„All das finden sie in diesen Bildern ja eingefangen“, so der Autor über die beschriebenen Kunstwerke. „Gesichter der Verzückung, Gesichter des Leidens, Akte höchster Aufopferung für andere Menschen, der Caritas - und zugleich auch das Schlimmstmögliche, was Menschen überhaupt tun können“: All das finde auch heute statt. „Mir kommen diese Bilder überhaupt nicht fern vor.“ So vergleicht Kermani auch im Buch Altes mit Aktuellem: „Bei Caravaggio weint Petrus nicht, er klagt nicht, winselt erst recht nicht um Gnade, aber auch auf YouTube wahren Menschen Haltung, die unterm Galgen oder vor Gewehrläufen stehen.“

Ausschnitt aus Caravaggios Die Kreuzigung des Apostels Petrus (1601/1604)

Public Domain

Ausschnitt aus Caravaggios Die Kreuzigung des Apostels Petrus (1601/1604)

Viel Raum gibt Kermani, der heuer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, dem Schicksal des vor über zwei Jahren in Syrien vermutlich von Dschihadisten verschleppten Priester Paolo dall’Oglio. Der Jesuitenpater hatte die Gemeinschaft Dair Mar Musa al-Habaschi gegründet, deren Hauptanliegen die Ökumene und der Dialog mit dem Islam sind. In dall’Oglio verkörpert sich in Kermanis Augen die Möglichkeit einer Verbindung von Christentum und Islam als verwandter Religionen. Umso mehr berührt das Schicksal des verschleppten Priesters.

Johanna Grillmayer und Maria Harmer, religion.ORF.at

  • KPH Wien/Krems lädt zu interreligiösem Abend
    Zu einem interreligiösen „Abend der Vielfalt“ lädt die Kirchliche Pädagogische Hochschule (KPH) Wien/Krems am 6. Juni ins Wiener Haus der Musik ein.
  • Festival der Jüdischen Kultur: 70 Jahre Israel
    Das diesjährige Festival der Jüdischen Kultur von 27. Mai bis 17. Juni in Wien steht ganz im Zeichen der Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren und bringt Weltstars wie Ester Rada nach Wien.
  • „Das Buch der Bücher“ im Grazer Schauspielhaus
    Das Grazer Schauspielhaus zeigt ab 12. Mai „Das Alte Testament - Aus dem Tagebuch der Menschheit“. Dazu werde es auch Umbauten im Zuschauerraum sowie eine Einbindung des Publikums ins Spiel geben, sagte Regisseur Volker Hesse.
  • Diözesanmuseum Eisenstadt zeigt Reliquienschatz
    Mit einem noch nie gezeigten spektakulären Schatz wartet das Diözesanmuseum Eisenstadt im heurigen Ausstellungsjahr auf: „Die Schatzkammer am heiligen Berg Eisenstadt-Oberberg“ heißt die neue Schau.
  • Adolf Holl und das rebellische Leben
    Der österreichische Theologe und ehemalige Priester Adolf Holl kann auf eine einzigartige Laufbahn in der katholischen Kirche zurückblicken. Eine neue Biografie widmet sich dem bewegten Leben des 87-Jährigen.
  • Bayern: Ausstellung im Papst-Geburtshaus
    Nach einer Winterpause hat das Geburtshaus von Papst Benedikt XVI. im oberbayrischen Marktl am Inn mit einer Ausstellung wieder seine Tore geöffnet.
  • „Lucky“: Ein Atheist feiert das Leben
    Der über 90-jährige Einzelgänger und Atheist Lucky (Harry Dean Stanton) lebt in dem gleichnamigen US-Film sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen und festen Ritualen. Doch eines Tages beginnt er sich mit seiner Endlichkeit auseinanderzusetzen.
  • Adam und Eva: Mächtiger Mythos vom Sündenfall
    Viel vom herrschenden Geschlechterbild leitet sich aus der Geschichte von Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies ab. Der Bestsellerautor Stephen Greenblatt geht dem „mächtigen Mythos“ in seinem neuen Buch auf die Spur.
  • Bischof-Glettler-Buch: Jesus als „fremde Gestalt“
    Sperrige, unbequeme Bibelstellen über Jesus sollte man nicht übergehen, sondern besser genau ansehen: Diesem Vorhaben widmen sich der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler und der Grazer Psychiater Michael Lehofer im Buch „Die fremde Gestalt“.
  • Atmen der Seele, Pulsschlag der Religion
    Gebete aus vielen Religionen und Kulturen aus allen Teilen der Welt hat der Religionswissenschaftler Bernhard Lang in einem Band zusammengetragen.