Die Bibel und die echte Menschheitsgeschichte

Bibel und Evolutionslehre: Das sind zwei Sphären, die wie Gegensätze scheinen. Doch wie die Menschheitsgeschichte im „Buch der Bücher“ ihren Niederschlag fand, davon erzählt die Neuerscheinung „Das Tagebuch der Menschheit“.

Ist die Geschichte um Adam und Eva im Paradies als Metapher für das Dasein der frühen Menschen als Jäger und Sammler zu verstehen? Kain erschlägt Abel - ein Bild für die Konflikte zwischen umherziehenden Hirten und sesshaften Ackerbauern? Auf den ersten Blick scheint es unwahrscheinlich, dass Ereignisse, die so weit im „Dunkel unserer Primatenvergangenheit“ lagen, ihren Einzug in eines der bedeutendsten Bücher der Menschheit gefunden haben sollten. Als die Bibel entstand, war die große Umstellung im Leben der frühen Menschen zu Ackerbau und Viehzucht schließlich bereits weitgehend vollzogen.

Uralte Mythen als Grundlage

Doch, so argumentieren die Autoren, der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel, die Bibel entstand schließlich weder über Nacht noch aus dem Nichts heraus. Vielmehr sei sie das Ergebnis vieler verschiedener Geschichten, Mythen und mündlicher Überlieferungen, die zum Teil bereits zu Zeiten der Entstehung des Alten Testaments uralt gewesen seien.

Buchcover Carel van Schaik, Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Rowohlt Verlag

Buchhinweis

Carel van Schaik, Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt, 576 Seiten, 25,70 Euro.

Möglicherweise reichte ein Abglanz von Überlieferungen aus der Frühzeit des Homo sapiens in die Zeit der Entstehung der Bibel hinein, lautet ihre These. Nimmt man diese Voraussetzung als wahrscheinlich an, kann man tatsächlich viel Verblüffendes in der Bibel entdecken. Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies wird zur Metapher für „das einschneidendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit: den Übergang von egalitären Jäger-und-Sammler-Gruppen zur sesshaften Lebensweise mit Ackerbau und Viehzucht“.

Dieser Wechsel zu Lebensbedingungen, für die die Menschen biologisch nicht gerüstet gewesen und eigentlich bis heute schlecht geeignet seien, ist für die Autoren die Grundlage für viele der einprägsamsten Geschichten der Bibel. „Die Bibel ist der vermutlich ambitionierteste Versuch, jene menschlichen Probleme in den Griff zu bekommen, die den Homo sapiens seit dem Sesshaftwerden plagen.“

Änderung der Lebensumstände

In der Anthropologie nennt man eine ungenügende Anpassung an die Umwelt „Mismatch“. Durch die radikale Änderung der Lebensumstände des Homo sapiens hin zu Ackerbau und Viehzucht sei schlagartig eine Zahl von Problemen aufgetaucht, die sich die Menschen nicht erklären konnten, so van Schaik und Michel.

Meister des Marschalls von Boucicaut und Werkstatt, um 1415

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Adam und Eva: Im oberen Teil des Bildes sieht man ihre Zukunft als sesshafte Bauern und Viehzüchter (Stundenbuch des Marschalls von Boucicaut, um 1415)

Die bis dahin umherziehenden Gruppen waren nun von den Launen des Wetters viel abhängiger als vorher, da diese Einfluss auf die Ernte hatten. Die biblische Sintflut könnte durchaus ein reales „Vorbild“ in Form einer Überflutung oder eines Tsunamis gehabt haben.

Seuchen als Strafe Gottes

Außerdem seien die frühen Bauern viel häufiger und intensiver von Infektionskrankheiten und Seuchen heimgesucht worden, führen die Autoren aus. Die nun in unmittelbarer Nähe lebenden Haustiere waren Träger von Erregern, die irgendwann auf die Menschen übergingen. Diese hätten nach Erklärungen für die neuen, furchtbaren Plagen gesucht, so „Das Tagebuch der Menschheit“. Als Pars pro toto für die „Menschheit“ stehen die Israeliten und ihr Gott Jahwe im Mittelpunkt.

Selbst die „Entstehung“ eines mächtigen, einzigen Gottes aus einer von Geistern bewohnten animistischen Weltbetrachtung, wie sie die frühen Menschen vermutlich hatten, wird als notwendige „Anpassungsleistung“ erklärt. Es musste ein mächtiger, reizbarer Gott im Spiel sein, und die Menschen mussten irgendwie seinen Zorn erregt haben. So entstand ein „Sündenkatalog“ neben einer Vielzahl an Geboten, die das Leben gottgefällig regeln sollten. Die Einhaltung der Gebote wurde in biblischen Gesellschaften von drakonischen Strafen flankiert.

Einer sündigt - alle leiden

Dahinter steht die Überzeugung, dass die Sünde eines Einzelnen Strafen für die ganze Gesellschaft nach sich ziehen kann. In diesem Licht betrachtet lassen sich grausame Strafen für heute als geringfügig betrachtete Verbrechen besser verstehen: Die Sünderin oder der Sünder gefährden schließlich mit ihrem Verhalten die ganze Gemeinschaft.

Der andere Grund für strikte Gesetze zum Beispiel im Bereich Ehe und Sexualität ist für die Autoren schlicht die rasante Verbreitung von Geschlechtskrankheiten durch das enge Zusammenleben vieler Menschen: Monogamie und die Einschränkung der Sexualität vor allem der Frauen sollten Abhilfe schaffen. Auch Reinheitsgebote fallen in die Kategorie der Krankheitsvorsorge.

Jesus mildert wieder ab

Das Neue Testament mit seiner Botschaft der Nächstenliebe kehrt in der Argumentation van Schaiks und Michels gewissermaßen zu den Anfängen der Menschen zurück: Die Lehre von Jesus nimmt die Gebote Gottes nicht zurück, sie mildert sie aber mit der Empfehlung zur Barmherzigkeit ab.

Guercino (1591-1666): Christus und die Ehebrecherin (Dulwich Picture Gallery)

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Christus und die Ehebrecherin von Guercino (1591-1666) (Dulwich Picture Gallery)

Anhand der Geschichte von der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11) macht das Buch deutlich: Jesus verteidigt die Sünde nicht, aber mit seiner Aussage „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ fordert er etwas ein, das in der „alten Jäger-und-Sammler-Kultur“, so die Autoren, wohl selbstverständlich war: Solidarität in der Gruppe und ein gewisses Augenmaß in Sachen Strafe. Dazu passt auch der im Buch mit Beispielen belegte „hohe Stellenwert der Frauen in der Jesusbewegung“.

Back to the roots

Mit Jesus zurück in die Urzeit? Das würde die These von „Tagebuch der Menschheit“ zu stark verkürzen. Aber was die Bibel, namentlich die Jesus-Geschichte, „von den Menschen in Sachen Nächstenliebe verlangt, ist also schlicht, sich so versöhnlich zu verhalten, wie das Jäger und Sammler in der eigenen Gemeinschaft immer taten“.

In recht einfacher Sprache gehalten und in kurzen Kapiteln strukturiert, ist das Buch bemüht, Leser nicht mit allzu schwierigem wissenschaftlichen Vokabular zu vergrätzen. Ein wenig mehr wäre schon gegangen, dafür ist das Buch aber auch für jeden verständlich geschrieben und ohne Schwierigkeiten lesbar. Auch wenn man einen anderen Anspruch an die Bibel als religiöses Werk hat, hat „Das Tagebuch der Menschheit“ doch einen hohen Unterhaltungsfaktor.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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