Biografie: Luthers Brüche und Widersprüche

Er schätzte Sex und fürchtete den Teufel, er war ein Fackelträger der Neuzeit und zugleich ganz und gar ein Mensch des Mittelalters: Martin Luther (1483-1546), der Widersprüchliche. So lernt man den Reformator in Lyndal Ropers Buch „Der Mensch Martin Luther“ kennen.

Luther spaltete die Kirche, seinen Fürsten blieb er hingegen treu. Er schloss leicht Freundschaften, seine Gegner, auch eingebildete, verfolgte er gnadenlos. Seine Tiraden gegen die Juden spotten jeglicher Beschreibung, dem Islam brachte er eher Interesse entgegen. Was die Biografie der australischen Historikerin Roper besonders faszinierend macht, ist ihr ganzheitlicher Zugang.

Obsessionen und Traumata

Für die Oxford-Professorin sind nicht nur Daten und Fakten (diese aber selbstverständlich auch) wichtig, sondern alles, was man über eine Person, deren familiären Hintergrund, ihre Beziehung zu anderen Menschen, die Obsessionen, Traumata und selbst kleine bis große körperliche Zipperlein weiß. Die körperliche Verfassung, Beschwerden und (psychosomatische) Erkrankungen ihres Protagonisten spielen immer eine große Rolle. Roper arbeitet außerdem teilweise nach Methoden der Psychohistorie, die den Lebenskontext von Menschen berücksichtigt und auch psychologische Mittel einsetzt.

Buchcover von "Der Mensch Martin Luther" von Lyndal Roper

S. Fischer Verlag

Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. S. Fischer, 736 Seiten, 28,80 Euro.

Luther war kein Heiliger

Wichtig sind Roper die Beziehungen Luthers. Seine Freunde und Anhänger, aber auch seine zahlreichen Feinde prägten ihn - und einige Freunde wurden auch irgendwann zu Feinden. Das Bild des Reformators, das sich durch diese vielen Stücke zusammensetzt, lässt erahnen, was für ein Mensch Luther war: ein extrem mutiger, sturer und selbstgerechter Mann, von Visionen und Zweifeln heimgesucht und von körperlichen Leiden geplagt.

Luther wurde 1483 als Sohn von Hans und Margarethe Luder (Luther änderte seinen Nachnamen später) im sächsischen Eisleben geboren. Die Familie lebte gut vom Bergbau in der Stadt Mansfeld, die, von Roper bildreich beschrieben, vom Hüttenwesen geprägt war. Luther verwendete später gern Ausdrücke aus dem Bergbau, wie die Autorin nachweist. Er sollte Jurist werden, doch er wurde gegen den Willen des Vaters Mönch und studierte Theologie.

Zwist mit Vater als zentraler Konflikt

Der Zwist mit dem Vater verfolgte Luther noch sehr lange. Roper sieht in dem Konflikt eine Art Präludium zu späteren Kämpfen gegen Vaterfiguren: „Die Heftigkeit in der Auseinandersetzung mit seinem Vater bereitete Luther zweifellos darauf vor, den Papst mit solch gewaltiger Energie anzugreifen.“ Immer wieder führt die Autorin Konflikte auf die dominante Vaterfigur zurück.

Martin Luther als junger Mönch, Lucas Cranach der Ältere, 1520

Public Domain

Martin Luther als junger Mönch, Lucas Cranach der Ältere, 1520

Zwar habe er mit der revolutionären Spaltung der Kirche die Neuzeit mit eingeläutet, gleichzeitig sei Luther jedoch immer auf der Seite der Herrschenden gestanden, so Roper. Seine Mönchszeit kennzeichneten Selbstzweifel über den eigenen Glauben. Er soll seinem Beichtvater und Vorbild, dem Augustiner-Generalvikar Johann von Staupitz, mit stundenlangen Bekenntnissen auf die Nerven gegangen sein.

Zentrale Eingebung auf dem Klo

Der genaue „Zeitpunkt, an dem Luther plötzlich die Natur der göttlichen Gnade (Sola gratia) verstand“, lässt sich nicht feststellen. Luther selbst habe manchmal von seinem „Turmerlebnis, lange vor der Formulierung der 95 Thesen“, gesprochen, so Roper. Er erzählte gerne, dass sich die Eingebung auf dem Abort ereignet habe - typisch für Luther, der Kot- und Toilettenwitze liebte. Jedenfalls „soll ihn der Gedanke, dass der Gerechte durch den Glauben allein lebe, wie ein Blitz getroffen haben“ - ein zentraler Punkt in der Theologie Luthers.

Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel verbreiteten sich durch den neuen Buchdruck rasch, eine große Rolle spielten dabei Illustrationen wie die seines Freundes Lucas Cranach. Durch das Wormser Edikt 1521 für vogelfrei erklärt, musste er sich in der Wartburg verstecken, wo er das Neue Testament aus griechischen Quellen ins Deutsche übersetzte - sein vielleicht wichtigstes Projekt, so Roper.

Der Teufel war ganz real

Zu dieser Zeit schrieb Luther oft über „Verfolgungen durch den Teufel“ - das sollte für den Rest seines Lebens so bleiben. Roper reduziert diese Visionen nicht auf psychosomatische Störungen, auch wenn diese, allen voran Kopfschmerzen und Verdauungsprobleme, eine Rolle gespielt haben dürften. Luthers Denken war hier noch das eines mittelalterlichen Menschen: Für ihn war der Teufel ganz und gar real.

Martin Luther, Werkstatt von Lucas Cranach d. Älteren, 1529

Public Domain

Martin Luther, Werkstatt von Lucas Cranach d. Älteren, 1529

Untypisch für seine Zeit war Roper zufolge Luthers positives Körperbild. Er fand Gefallen an unanständigen Wortspielen und Schilderungen körperlicher Vorgänge, besonders des Stuhlgangs, der ihn fasziniert haben dürfte. Ehe und Sexualität betrachtete er entgegen der herrschenden Meinung als gesund und gottgefällig - ja sogar als Waffe gegen den Teufel.

Keine Scheu vor Frauen

„Er beschloss, den Teufel zu ärgern, indem er eine besonders große Sünde beging: Er heiratete“, so Roper in dem Kapitel „Hochzeit und Sinnesfreuden“. Seine viel jüngere Braut, Katharina von Bora, war auch noch eine entlaufene Nonne. Luther habe das Eheleben offensichtlich genossen, so Roper. Das Paar hatte sechs Kinder. Luther machte gern Witze über Sex, so erzählte er etwa, sogar Christus habe Ehebruch begangen. Sex sei für ihn eine natürliche Köperfunktion gewesen, auch habe er keine, wie bei Mönchen typisch, Abscheu vor dem weiblichen Körper gezeigt - vielleicht, weil er mit Schwestern groß geworden sei.

Auch vom Essen und Trinken hielt Luther viel, er wurde nach seiner Heirat rasch sehr dick und witzelte auch darüber gern. Er werde „den Maden einen fetten Doktor zu essen geben“, habe er kurz vor seinem Tod bemerkt. Er litt unter starken Beschwerden und schrieb an seinen Freund Melanchthon, „der Teufel habe es aufgegeben, ihn geistig zu bedrängen, und sich auf Angriffe auf seine Gesundheit verlegt“.

Hassprediger Luther

Ein eigenes Kapitel widmet die Historikerin der wohl dunkelsten Seite des Reformators: Luther wetterte hasserfüllt und ungeheuer obszön gegen Andersdenkende, den Papst und die Kirche und in mehreren Schriften besonders perfide gegen die Juden. Sein Antisemitismus sei „keine Übernahme mittelalterlicher Relikte, sondern deren Weiterentwicklung“, urteilt Roper. Für sie ist sein Antisemitismus ein „wesentlicher Bestandteil seines Denkens“, er sei selbst für seine Zeit extrem gewesen.

Judenhass durch „Nähe“?

Das könnte, so die Autorin in einem Erklärungsversuch, mit Ähnlichkeiten des Luthertums zum Judentum zu tun haben. Sie erwähnt etwa die Herabstufung Marias, die Bedeutung des Wortes und der Schrift und die „positive Einstellung zur Körperlichkeit“, die seine Theologie in die Nähe jüdischer Prioritäten gerückt haben könnten. Davon habe er sich abgrenzen wollen, und „vielleicht war es gerade diese Nähe, die diese Gewalt in seinen Angriffen entfesselte“.

Autorin Lyndal Roper

John Cairns

Autorin Lyndal Roper

Bei aller Betrachtung von Luthers Charakter bleibt bei Roper die Geschichte der Reformation nicht auf der Strecke. Ausführlich porträtiert sie wichtige Weggefährten und Mitstreiter sowie Gegenspieler Luthers. Für die Reformation maßgebliche Männer wie Andreas Karlstadt, Philipp Melanchthon, der Bauernkriegsführer Thomas Müntzer und viele mehr erhalten in teils ausführlichen Darstellungen ein eigenes Profil.

Lebendiges Bild des 16. Jahrhunderts

Nebenbei werden auch die frühneuzeitlichen Orte und Städte, die für die Reformation bedeutsam waren, lebendig, die Autorin, die 2016 den Gerda-Henkel-Preis gewann, vermittelt ein lebendiges Bild von Leben, Politik und Wirtschaft im Deutschland des 16. Jahrhunderts.

Der weitere Weg der Reformation wird im letzten Teil des Buches knapp umrissen, Roper gibt einen Ausblick auf die kommenden Spaltungen und Kriege. Nachtragend und empfindlich, ließ Lutherer mehr als ein Mal „die Chance auf einen Kompromiss ungenutzt, der die evangelische Position möglicherweise sehr gestärkt hätte“. Die Folge war unter anderem der Dreißigjährige Krieg.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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