Zwei Stimmen für Reformen des Islam

Der Islam braucht Reformen. Darüber sind sich der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide und der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad einig, ihre Ansätze unterscheiden sich hingegen gewaltig.

Khorchide und Abdel-Samad entschlossen sich zu einer gemeinsamen Streitschrift zur Reformierbarkeit - oder eben Nichtreformierbarkeit - des Islam. Der muslimische Theologe Khorchide tut damit etwas, das in der muslimischen Community nicht selbstverständlich ist oder zumindest nicht öffentlich wird: Eine ernsthafte, argumentative Auseinandersetzung mit einem von vielen Muslimen als Nestbeschmutzer angesehenen Kritiker.

Kritik kein „perfider Plan“

Kritik am Islam, so Abdel-Samad, werde selten als Aufforderung aufgefasst, sich argumentativ damit auseinanderzusetzen, „sondern vielmehr als Teil eines perfiden Plans gewertet, den Islam grundsätzlich abzuschaffen“. Muslime fühlten sich häufig dazu berufen, über andere zu urteilen, was auch Khorchide kritisiert. Sie einigten sich im Reformationsjahr 2017, in Analogie zu Martin Luther, auf 95 Thesen. In dem Buch „Ist der Islam noch zu retten?“ legen beide Islamkenner ihre Thesen dar.

Buchcover "Ist der Islam noch zu retten?"

Droemer

Buchhinweis

Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide, „Ist der Islam noch zu retten?“ Droemer, 303 Seiten, 19,99 Euro

Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler Abdel-Samad lebt seit Jahren unter Polizeischutz, 2013 wurde in Kairo aufgrund seiner kritischen Aussagen eine Todes-Fatwa gegen ihn erlassen. Er veröffentlichte mehrere islamkritische Bücher, darunter „Der islamische Faschismus“ und „Mohammed - Eine Abrechnung“.

Wo hat Religion ihren Platz?

Abdel-Samad betont die politische Dimension des Islam und beurteilt ihn als Gesamtsystem als unreformierbar. Er gesteht Gläubigen aber durchaus zu, spirituell davon profitieren zu können. „Die Ehe von Religion, Patriarchat, Herrschaft und Gesetzgebung ist der Geburtsfehler des Islam. Eine wirkliche Reform muss diese Ehe auflösen (...)“, so Abdel-Samad.

Der österreichische Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Khorchide sieht den Koran und die Prophetentradition (Sunna) rein als Quelle der Spiritualität - nicht als politisch-juristisch-wirtschaftliches System. Er strebt an, der Religion ihre spirituelle Dimension wiederzugeben, die aus seiner Sicht ins Hintertreffen geraten ist, und ist überzeugt, dass Reformen von innen her möglich sind. Die beiden sprechen daher von unterschiedlichen Ebenen aus.

Humor und Satire gegen Angstpädagogik

Mit gewohnt markigen Sprüchen nimmt sich Abdel-Samad kein Blatt vor den Mund. Der Islam brauche unter anderem eine „Monty-Python-Truppe, die durch Humor und Satire die veralteten Denkstrukturen aufbricht und die Angst vor den Legenden und dem Höllenfeuer nimmt“. Khorchide beklagt, dass Muslime ihre Glaubenspraxis auf die fünf Säulen des Islam reduzieren.

Er schrieb unter anderem die Bücher „Islam ist Barmherzigkeit“ und „Gott glaubt an den Menschen“. Er fordert von Muslimen, sich „von allen Positionen, die den Menschenrechten widersprechen“, zu verabschieden und auch, die Scharia „mehr im spirituellen und ethischen Sinne“ zu verstehen, als im juristischen. Auch er wurde wegen seiner Reformbestrebungen angefeindet.

95 Thesen für den Islam

Die Autoren schenken sich gegenseitig nichts und sparen auch nicht damit, sehr deutlich zu formulieren, was vor allem innermuslimisch zu tun wäre. Khorchide plädiert für eine historisch-kritische Auslegung des Korans, den er als Buch aus dem siebenten Jahrhundert betrachtet, das in der Gegenwart einfach anders gelesen werden müsse als damals. Keinesfalls könne die Schrift wortwörtlich verstanden werden.

Sendungshinweis

Ist der Islam noch zu retten? „Passagen“ Montag, 22.5.2017, 16.05, Ö1

Muslime sollten sich mit einigen Positionen innerhalb der muslimischen Tradition auseinandersetzen und „bereit sein, einige davon zu verwerfen“. Konservative Muslime etwa würden sich vom IS (Terrororganisation Islamischer Staat) zwar distanzieren und „die IS-Anhänger mit dem altbekannten Reflex zu Nichtmuslimen oder Islam-Missbrauchern“ erklären, ein theologischer Diskurs bleibe jedoch aus, kritisiert Khorchide.

Abdel-Samad stellt fest, es gebe so viele unterschiedliche muslimische Gruppierungen, der Islamismus sei aber die einzige islamische Kraft, die ethnische kulturelle und sprachliche Grenzen überwinde.

Hamed Abdel-Samad

CK-PHOTOGRAFIE WWW.KENZLER.ORG

Hamed Abdel-Samad

Verquickung von Religion und Politik auflösen

Abdel-Samad hält Reformen im Islam für unrealistisch. In einem „Bündnis zwischen Religion und Politik“ würden die Religionsführer beispielsweise in Ägypten, Saudi-Arabien, Marokko, der Türkei und im Iran staatlich finanziert, daher hätte keine Seite Interesse an Reformen.

An mündigen Bürgern und Gläubigen hätten auch andere Staaten kein Interesse, denn die brächten ja die herrschenden Strukturen ins Wanken. Zudem werde der Islam von westlichen Politikern verkannt, aus Angst vor Fremdenfeindlichkeit und rechten Parteien. Daher suchten sie nach Dialogpartnern und „finden sie leider vor allem in reaktionären und konservativen Islamverbänden, die nur Scheinreformen durchführen (wenn überhaupt)“. Wirkliche Reformen würden sie bekämpfen.

„Lesart wie Fundamentalisten“

Khorchide kritisiert Abdel-Samad heftig für dessen „Lesart des Korans, die eigentlich nur Fundamentalisten und Salafisten anwenden“. Abdel-Samad kontert, dass er das bislang einzige Buch im deutschsprachigen Raum verfasst habe, das friedliche und Gewaltpassagen im Koran gegenüberstellt. Der Koran müsse in seiner Gesamtheit gelesen werden, betont Khorchide. Fundamentalisten würden ihn als „Ansammlung von Instruktionen“ lesen, wohinter ein „defizitäres Gottesbild“ stehe.

Den Reformverweigerern nichts kampflos überlassen

Khorchide möchte jedenfalls den Reformverweigerern „nicht kampflos das Feld überlassen“. Nicht der Koran sei manipulativ, sondern die Vorgehensweise der Islamisten. Gegenseitig werfen die beiden Experten einander vor, in der Auswahl ihrer Belegstellen aus dem Koran selektiv vorzugehen.

„Nicht auf den Wortlaut des Korans und der Hadithe kommt es an, sondern darauf, was wir heute daraus machen“, so Khorchide. Abdel-Samad ist der Ansicht, dass die Kontextualisierung alleine nicht ausreicht, um etwa Koran-Passagen, auf die sich Terroristen berufen, zu erklären. Es müsse die selektive Theologie beseitigt werden.

Mouhanad Khorchide

Frank Rothe

Mouhanad Khorchide

Dialogebenen ändern

Khorchide kritisiert den, wie er sagt, heuchlerischen Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften und Institutionen seitens der Muslime. Während er einen Dialog mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstreflexion und Selbstkritik verbunden wissen möchte, geht Abdel-Samad einen Schritt weiter und fordert ein Ende der Trennlinie zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Er plädiert stattdessen für eine Unterscheidung zwischen „Humanisten und Barbaren, zwischen Demokraten und Demokratiefeinden“.

Um den Islam vor politischem Missbrauch zu schützen, müsse sich unter Muslimen ein Islamverständnis etablieren, das die Liebe in den Vordergrund stellt, schreibt Khorchide. Abdel-Samad plädiert dafür, weder Gewalt- noch Friedenspassagen des Korans als Belege für die jeweilige Einstellung zu nennen, denn beide seien aus bestimmten politischen Kontexten entstanden. Für Khorchide hingegen ist es durchaus zulässig, den Friedenspassagen von damals in der Gegenwart mehr Gewicht zu geben.

Intellektueller Diskurs gefragt

Einig sind sich die beiden darüber, dass es Religionskritik geben muss, um die Religion weiterzuentwickeln und überhaupt am Leben zu erhalten. Der Islam brauche wieder einen intellektuellen Diskurs, denn derzeit würden sich viele Muslime dem geistigen Fortschritt verweigern, attestiert Khorchide. Die Auseinandersetzung etwa mit den griechischen Philosophen und Denkern habe im 9. bis 12. Jahrhundert zur Blütezeit des Islam geführt.

Abdel-Samad ergänzt, dass die islamische Welt selbst nach dieser Öffnung die Abschottung wählte. Die Schuld allerdings würde sie nicht bei sich, sondern beim Rest der Welt suchen. Als Resultat dieser „Asymmetrie“ sieht Khorchide Radikalisierung und Extremismus.

Aufrichtig und respektvoll

Das Buch bildet eine aufrichtige, respektvolle Auseinandersetzung ab, das ehrliche Bemühen, Missstände aufzuzeigen und etwas für Muslime wie auch Nichtmuslime zu verändern. Was auffällt, ist, dass Khorchide sich kaum auf die Nennung anderer Religionen außer Judentum und Christentum einlässt, auch nicht auf Atheisten oder Agnostiker. Abdel-Samad bezieht in seine Ausführungen stets auch Zweifler ein.

In neun Kapiteln zu unter anderem den Themen Islam und Demokratie, Scharia, Frauen und Sexualität, Gottesbild und Zukunft in Europa gehen die Autoren zunächst recht angriffig vor, im Laufe des Buches wird der Ton konstruktiver. Gegenseitig unterstützen sie die Intentionen des anderen: Khorchide setzt sich für die freie Meinungsäußerung ein, Abdel-Samad wünscht Khorchide Kraft und Mut für seine Reformideen.

Nina Goldmann, religion.ORF.at

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