„Der Muslim und die Jüdin“: Geschichte einer Rettung

1941 nimmt der muslimische Arzt Mohammed Helmy das jüdische Mädchen Anna bei sich in der Arztpraxis auf und bewahrt sie so vor der Deportation durch die Nazis. Diese Geschichte erzählt ein neues Buch.

Der deutsche Journalist Ronen Steinke erzählt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Muslim und die Jüdin“ eine Geschichte von Idealismus und Menschlichkeit. 1936 kam Helmy als Hausarzt zu einer jüdischen Obsthändlerfamilie. Dort lernte er die damals elfjährige Anna Boros kennen.

Aus Anna wird Nadja

Als im Oktober 1941 die Deportationen begannen, nahm er die mittlerweile 16-jährige Anna auf und ließ sie untertauchen. Er gab sie als seine Nichte, eine aus Ägypten stammende Muslimin, aus. Sie bekam den neuen Namen Nadja und trug fortan ein Kopftuch.

Buchcover "Der Muslim und die Jüdin"

Berlin Verlag

Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin. Die Geschichte einer Rettung in Berlin, Berlin Verlag, 208 Seiten, 20,60 Euro.

„Anna arbeitet Seite an Seite mit ihm in seiner Arztpraxis und spielt mit ihm gemeinsam eine Art Schauspiel vor der Augen der Patienten und der Gestapo […] Mohammed Helmy ruft Anna Sätze auf Arabisch zu und obwohl sie kein Arabisch versteht, sagt sie ‚Ja‘ und nickt, um vorzutäuschen, dass sie arabisch kann“, so Steinke.

Jüdisch-muslimische Freundschaft

Helmy war als einziger Sohn einer wohlhabenden ägyptischen Familie nach Berlin geschickt worden um dort Medizin zu studieren. Berlin war in den 20er Jahren eine attraktive Stadt für die arabische Welt und es hatte sich eine kleine muslimische Gemeinde aufgebaut, die auch bei den Einheimischen sehr beliebt war.

„Bemerkenswert ist, wie eng die Freundschaft zu den Juden in Deutschland war. Die jüdische Gemeinde war wesentlich größer als diese kleine muslimische Community. Und die Juden in Deutschland haben diese kleine Gemeinde unter ihren Schutz genommen“, erzählt Autor Steinke in der Ö1-Sendung „Erfüllte Zeit“ am Sonntag.

Geschichte gibt Hoffnung

Helmy erlebte, wie schwer es war, als Nichtdeutscher an der medizinischen Fakultät zu studieren. Er wurde von einem jüdischen Universitätsprofessor aufgenommen, und konnte hautnah miterleben, wie das Leben für Juden immer schwieriger wurde.

Die Geschichte von Mohammed Helmy und Anna könne nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig die Beziehung zwischen Muslimen und Juden heute oft ist, aber sie beinhalte die Hoffnung, dass diese Beziehung wieder anders werden kann, sagt Steinke.

Einziger arabischer „Gerechter unter den Völkern“

Anna Boros heiratete nach 1945 in Berlin einen polnischen orthodoxen juden und wanderte in die USA aus, wo sie bis zu ihrem Tod 1986 in New York lebte. Ihren Retter hat sie noch zweimal in Berlin besucht, einmal davon brachte sie Carla, eines ihrer drei Kinder mit, und stellte die Beiden einander vor.

Sendungshinweise

„Religion aktuell“, Freitag, 22.9.2017, 18.55 Uhr, Ö1 und
„Erfüllte Zeit“, Sonntag, 24.9.2017, 7.05 Uhr, Ö1.

In New York gaben Carla und ihr Bruder Charles dem Autor Einblick in private Fotos, Tagebücher und Briefe ihrer Mutter. Zahlreiche dieser Dokumente sind in dem Buch abgedruckt.

Der muslimische Arzt Helmy gilt als der einzige Vertreter der arabischen Welt, der in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wird. Das Buch ist im Berlin-Verlag erschienen.

religion.ORF.at

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