Kieslowskis „Dekalog“ im Volkstheater

Krzysztof Kieslowskis „Dekalog“ - zehn Filme über jeweils eines der zehn biblischen Gebote - wird im Volkstheater als Bühnenstück aufgeführt. Premiere ist am Freitag.

In allen zehn Geschichten geht es um die Übertretung eines der biblischen Gebote wie Diebstahl, Ehebruch, Besitzgier, Falschaussage und Mord. In teilweise miteinander verflochtenen Episoden werden im Bühnenstück von Regisseur Stephan Kimmig und Dramaturg Roland Koberg komplexe Schicksale, Konfliktsituationen und Verstrickungen dargestellt.

Szene aus dem Theaterstück "Die zehn Gebote" nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski

ORF/Brigitte Krautgartner

Kieslowski stellt immer wieder die Frage, ob die Übertretung eines Gebots wirklich eine Übertretung ist

„Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben?“

Koberg meinte dazu im Ö1-Interview, Kieslowski stelle zum einen jeweils mindestens eine Übetretung dar, gleichzeitig werfe er aber auch die Frage auf, worin die Übertretung eigentlich bestehe und ob es überhaupt eine sei: „Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben?“ Die Figuren kämen an den Rand ihrer Möglichkeiten und stünden vor riesigen Entscheidungen, so Koberg.

Veranstaltungshinweis

„Die zehn Gebote“ im Wiener Volkstheater. Premiere am 15.12.2017, 19.30 Uhr.

Es sind Alltagssituationen, in denen die Charaktere stecken. Genau das trage zur Faszination des Stoffes bei und habe auch dazu geführt, Kieslowskis filmische Vorlage in eine Theaterproduktion zu übertragen. Die Geschichten sind bewusst in Polen angesiedelt, was an Namen und kleinen Details zum Alltagsleben deutlich wird. Auf unaufdringliche Weise stelle der Filmregisseur „große Fragen an das Menschsein“ und „wie würde ich in dieser Situation handeln“, so Koberg.

Szene aus dem Theaterstück "Die zehn Gebote" nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski

ORF/Brigitte Krautgartner

Die Episoden zu den zehn Geboten werden von sieben Erwachsenen und zwei Kindern gespielt

Aufgewühlt und aufwühlend geht es auf der Bühne immer wieder zu. Menschen reden an einander vorbei, lassen einander nicht zu Wort kommen, verfallen mitunter in seltsame Zuckungen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt die Musik, die in vielerlei Gestalt eingesetzt wird - von harten Beats bin hin zu Sphärenklängen.

Systemische Analyse

Manchmal fast roh, manchmal berührend - aber niemals kitschig - werden die einzelnen Lebensgeschichten entfaltet. Wie etwa die eines jungen Mörders, der einen vorletzten Wunsch hat: neben seiner toten Schwester begraben zu werden. Der letzte Wunsch wäre, der über ihn verhängten Todesstrafe zu entgehen. Aber das ist nicht möglich. Bis zuletzt bleibt die Erinnerung an seine Schwester, die im Alter von zwölf Jahren bei einem Unfall mit einem Traktor gestorben ist, eine Hoffnung.

Wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn dieser Unfall nicht geschehen wäre? Was kann man als Mensch wissen? Diese Fragen klingen immer wieder an. Die Geschehnisse werden differenziert betrachtet. Kieslowski habe in vielen Geschichten einen doppelten Boden aufgezogen, sagte Koberg. „Wir begegnen einem Mörder, einem, der offenkundig das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ übertreten hat, aber wir begegnen auch einem System, das genau diesen Mörder hinrichtet.“

Szene aus dem Theaterstück "Die zehn Gebote" nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski

ORF/Brigitte Krautgartner

Ein schlichtes Bühnenbild ist Kulisse für menschliche Schicksale und Verstrickungen

Sendungshinweise

Mittagsjournal, Freitag, 15.12.2017, ab 12.00 Uhr, Ö1 und „Lebenskunst - Begegnungen am Sonntagmorgen“, Sonntag, 7.05 Uhr, Ö1

Fragen wichtiger als Antworten

Facetten- und nuancenreich werden hier Situationen entfaltet, in der ein sogenanntes richtiges Verhalten schier unmöglich zu sein scheint. Das alles auf der Basis eines Regelwerkes, das Jahrtausende alt ist. Koberg betrachtet die zehn Gebote als Kulturerbe und stellt die Frage, was sie heute bedeuten.

Für ihn, so Koberg, wäre es ein Erfolg, wenn das Publikum nach dem Stück mehr Fragen hätte als zuvor. Und hier scheint sich ein Kreis zu schließen: Denn die Haltung, dass Fragen wichtiger sind als Antworten, kommt aus dem Judentum - ebenso wie die zehn Gebote.

Nina Goldmann, Brigitte Krautgartner für religion.ORF.at

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