Kirche innen mit Bibelspruch an der Wand über dem Altar und vielen hinterglasbemalten Fenstern

epd, Marco Uschmann

„Von Gott und allen guten Geistern verlassen“

Den traditionellen Evangelischen Karfreitagsgottesdienst übertrug der ORF heuer live aus der Zwinglikirche in Wien. Mit der Gemeinde begingen ihn Landessuperintendent Thomas Hennefeld und Pfarrerin Naemi Schmit-Stutz.

„Der Karfreitag liegt quer zu unserem Leben, will nicht hineinpassen in unser Koordinatensystem“, meint Thomas Hennefeld, der Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche in Österreich. „Er liegt auch quer zu den Werten, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert - Erfolg, Anerkennung, Macht, Durchsetzungsvermögen, Geltung, Profitstreben. ‚Mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ schreit Jesus am Kreuz. Was für ein Gott - ein allmächtiger Gott? Der nicht dreinschlägt, sondern ohnmächtig am Marterpfahl hängt? Ein Skandal? Ein Skandal bis heute in einer Welt, die immer noch voller Marterpfähle ist?“ Drängende Fragen in diesem Gottesdienst.

Warum hast du mich verlassen?

Evangelium: Markus 15

Und sie kreuzigen ihn und teilen seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber werfen, wer sich was nehmen dürfe. Es war aber die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und die Inschrift, die seine Schuld angab, lautete: „König der Juden.“ Und mit ihm kreuzigen sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. Da ging das Schriftwort in Erfüllung: Und zu den Missetätern wurde er gerechnet.

MUSIK

Matthias Jorissen:
Wie der Hirsch nach frischer Quelle

Tief sinkt meine Seele nieder

Johannes Brahms:
Unsere Väter hofften auf dich

Seht hin, er ist allein im Garten!

In einer fernen Zeit

O Haupt voll Blut und Wunden

Seht das Brot, das wir hier teilen

Sologeige
Ulli Greuter

Orgel
Grace Oh

Musikalische Leitung
Landeskantor Matthias Krampe

Und die vorübergingen, verwünschten ihn, schüttelten den Kopf und sagten: „Ha, der du den Tempel niederreißt und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst und steig herab vom Kreuz!“

Ebenso spotteten die Hohen Priester untereinander mit den Schriftgelehrten und sagten: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten! Der Messias, der König Israels, steige jetzt vom Kreuz herab, damit wir sehen und glauben.“

Und die mit ihm gekreuzigt waren, verhöhnten ihn. Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: „Eloi, eloi, lema sabachtani?“, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Und einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: „Hört, er ruft nach Elija!“ Da lief einer hin, tränkte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Und er sagte: „Halt! Lasst uns sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt!“ Da stieß Jesus einen lauten Schrei aus und verschied. Und der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten. Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüberstand, ihn so sterben sah, sagte er: „Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn.“

Die Ohnmacht Gottes als Mensch

Predigt

Du bist von allen guten Geistern verlassen. Dieser Spruch kommt aus einer Zeit, in der Menschen an Geister geglaubt haben und hofften, es würden ihnen gute, helfende Geister beistehen. Wenn die aber ausblieben, war jemand von allen guten Geistern verlassen. Heute werfen wir so einen Satz jemandem an den Kopf, der etwas Verrücktes oder Unvernünftiges tut oder ein unerklärliches Verhalten an den Tag legt. Trifft so ein Spruch nicht auch auf Jesus zu? War nicht auch er von allen guten Geistern verlassen? War es notwendig, die Römer so zu provozieren? Und wenn er das schon musste, warum ist er dann ins Zentrum der Macht gegangen, nach Jerusalem? Er hätte doch denken können, dass man ihm hier ganz besonders nach dem Leben trachten würde. Das war nicht vernünftig. So handelt doch eher ein Lebensmüder.

Jesus – von allen guten Geistern verlassen, aber auch verlassen von seinen engsten Gefährten. Jesus war verlassen, als die Jünger in Gethsemane vor seiner Verhaftung eingeschlafen waren, anstatt mit ihm zu beten. Und dann, im entscheidenden Moment, sind die meisten Jünger in Panik geraten, einer hat sogar sein Gewand fallen lassen und ist davon gelaufen. Ein anderer hat Jesus verraten. Und die tiefste Verlassenheit dann am Kreuz.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ Da hängt einer am Kreuz, erleidet unvorstellbare Qualen. Und es ist niemand da, der tröstet. Im Gegenteil - Spötter machen sich bemerkbar, verhöhnen ihn auch noch. „Steig herab vom Kreuz, wenn du wirklich der Messias bist!“ Da ist niemand mehr. Und dunkel wird es auch noch. Das ist Karfreitag.

Superintendent Thomas Hennefeld im Talar am Ambo

epd, Marco Uschmann

Thomas Hennefeld

Und diese Verlassenheit kennen auch heute viele Menschen. Wie viele müssen auch in dieser Stunde unaussprechliche Leiden ertragen: in den Folterkellern, auf den Schlachtfeldern, als Hungernde, auf der Flucht oder auch durch Krankheit? So viele Menschen fühlen sich verlassen, allein gelassen. Was ist das für ein Gott, der nicht dreinschlägt, sondern ohnmächtig am Marterpfahl hängt? Ein Skandal - so müssen manche gedacht haben - dass sich dieses Häuflein Elend als Messias aufspielt, den das jüdische Volk so sehnlich erwartet. Da hängt aber eben kein Held, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, das Fleisch aufgerissen, und aus dem Fleisch fließt ganz gewöhnliches Menschenblut.

Dieses Kreuz ist ein Zeichen der Ohnmacht Gottes, nicht seiner Allmacht. Ein Mensch, der von allen im Stich gelassen wird. Selbst die Gemeinschaft mit seinem Vater scheint in diesen Worten Jesu zerbrochen zu sein. Was bleibt da noch? Was ist da der Glaube noch wert? Woran können wir uns da noch orientieren?

Spätestens mit dem Triumph des Christentums über andere Völker mutierte das Kreuz zu einem Siegessymbol. Und das Perverse daran war nun, dass sich christliche Herrscher und die Kirche so verhalten haben, wie die Römer gegenüber den Christen zuvor. Verfolgte wurden zu Verfolgern. Und nun waren die anderen die Verlassenen. Und für die neuen Verfolgten und Verlassenen wurde das Kreuz zu einem Symbol des Terrors, der Gewalt, der Gnadenlosigkeit und Unbarmherzigkeit. Ganz besonders richtete sich die Feindseligkeit, ja der Hass der Kirche gegen Menschen jüdischen Glaubens. Ihnen wurde vorgeworfen, den Heiland getötet zu haben, dafür sollten sie büßen.

Es ist kein Wunder, dass manche Jüdinnen und Juden bis heute eine Bitterkeit oder zumindest ein Unwohlsein an diesem Karfreitag überkommt. In der christlichen Geschichte wurde gerade an diesem Tag zu Pogromen gegen Juden aufgerufen, das Volk wurde durch christliche Prediger angestachelt, ihre Synagogen und Häuser anzuzünden und sie zu vertreiben oder zu töten. Aber es traf auch andere. Mit dem Kreuz in der Hand oder auf dem Schild sind Christen gegen sogenannte Ungläubige in den Krieg gezogen, Völker wurden niedergemetzelt oder versklavt. Und bei all den Verbrechen hat sich die Kirche auf den Willen Gottes berufen.

Was für eine Pervertierung des Kreuzes! Nach dieser Blutspur, die die Kirche gezogen hat, sollten Christinnen und Christen heute mit diesem Symbol voll Demut und Zurückhaltung umgehen. Dieses Kreuz hat Millionen von Menschen in die tiefste Verlassenheit gestürzt. Und so ist es Gotteslästerung, das Kreuz als Symbol für die Überlegenheit der eigenen Kultur und Religion zu vereinnahmen, die man vor angeblicher Überfremdung bewahren müsse.

Der Reformator Ulrich Zwingli, nach dem unsere Kirche benannt ist, ließ alle Bilder aus den Kirchen entfernen. Nichts soll es geben, das vom Wort Gottes ablenken könnte, kein Bild und auch kein Kreuz. Deshalb sind auch heute reformierte Kirchen schlicht und schmucklos. Auch in dieser Kirche werden Sie kein Kruzifix finden, nicht einmal ein Kreuz an der Wand oder auf dem Abendmahlstisch. An der Wand leuchtet allein das Wort Gottes, ein biblisches Wort. Das Kreuz ist uns trotzdem wichtig, wir verkündigen den Gekreuzigten und Auferstandenen. Heuer, im Jahr des Reformationsjubiläums, sind die evangelischen Kirchen besonders bestrebt, den Kern der reformatorischen Botschaft zu vermitteln: Grundlage allen Lebens ist die Liebe Gottes. Sie ist uns geschenkt, wir können sie uns nicht verdienen. Ulrich Zwingli war geleitet und bewegt von dem Gedanken der Liebe Gottes zu den Menschen. Ihm war es wichtig, in der Nachfolge Jesu zu leben, bei den Verlassenen zu sein, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Deshalb lautete sein Wahlspruch: „Kommt her zu mir, alle Mühseligen und Beladenen!“ Man könnte auch ergänzen: „alle Verlassenen.“ Er sagt das gerade mit dem Blick auf das Kreuz.

Verlassen – ein Gefühl der Bedrohung, allein gelassen, auf sich gestellt sein. Das Wort verlassen hat aber auch eine andere Bedeutung: sich auf jemanden verlassen, jemandem vertrauen. Die beiden Bedeutungen haben miteinander viel zu tun. Jesus weiß sich in dieser buchstäblich dunkelsten Stunde zwar von Gott verlassen, aber er spricht ihn an.

Das ist die Paradoxie unseres Glaubens. Wir können und dürfen uns in unserem Leid, in unserer Not an den Gott wenden, an dem wir zweifeln oder schon beinahe verzweifeln. Und wenn wir genau hinschauen und genau hinhören, werden wir entdecken: Unter dem Kreuz sind doch nicht nur die Spötter, die Jesus verhöhnen – die sind zwar viel lauter als alle anderen, aber es gibt auch andere, auch jene, die mit Jesus mitleiden. Es sind Menschen, die Jesus im Leben begleitet haben und ihn auch am Ende nicht verraten haben und geflohen sind.

Es waren aber auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und des Jose, und Salome, die ihm gefolgt waren und ihn unterstützt hatten, als er in Galiläa war, und noch viele andere Frauen, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren. Gott kommt uns aus der Verlassenheit wieder nahe, wo Menschen da sind, die meinen Schmerz, mein Leid, meine Verzweiflung versuchen zu teilen, mitzufühlen, anstatt darüber hinweg zu gehen oder mein Leid zu ignorieren.

Am Karfreitag ist Jesus ermordet worden, und trotzdem ist der Tag für Evangelische kein Trauertag. Sondern ein Feiertag, weil in dieser Verlassenheit am Kreuz etwas Neues aufleuchtet. Da ist einer, der einen anderen Weg eingeschlagen hat, jenseits von Gewalt und Resignation, einer, der selbst alles verlassen hat wegen seiner radikalen Liebe zu den Verlassenen, Schwachen und Einsamen, aber letztlich zur ganzen Menschheit. Auch zu denen, die ihn ans Kreuz genagelt und verflucht haben. Was Jesus in seinem Leben gepredigt hat, das lebt er selbst konsequent bis zum Ende: Nächstenliebe statt Ichsucht, ja sogar Feindesliebe und Vergebung der Feinde statt Vergeltung und Rache.

Das ist ein Blick in eine andere Welt. Aber es ist nicht nur ein Traum oder Hirngespinst. Es gibt so viele Menschen durch die ganze Geschichte, die genau in diesem Sinn gelebt haben. Sie waren bereit, ihr Leben zu riskieren und hinzugeben, nicht aus Fanatismus sondern aus dieser radikalen Liebe, die im Kreuz zum Ausdruck kommt. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der sich dem Widerstand gegen Hitler aus Glaubensüberzeugung anschloss und von den Nazis hingerichtet wurde, oder an Martin Luther King, den sein Einsatz gegen die Rassentrennung das Leben kostete. Und es gibt diese Menschen auch heute. Viele werden niemals einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden.

Wer aus dieser Liebe Gottes lebt, auf den werden sich andere Menschen verlassen können. Der Mensch, der sich aus Liebe den Menschen hingibt, der weckt Hoffnung, der kann eine Kettenreaktion der Liebe auslösen. Sie haucht auch dem Verlassenen und Kraftlosen neues Leben ein und setzt die Menschen in Bewegung, nicht nur einzelne, und sie hat das Potential, die ganze Gesellschaft zu verändern.

In den letzten Worten Jesu, die uns überliefert sind, ist diese verloren geglaubte Beziehung zu Gott wieder spürbar, wenn Jesus spricht: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“. Damit ist er mit seinem Vater wieder versöhnt, hat sich in sein unausweichliches Schicksal gefügt. In seine Hände, in die Hände Gottes dürfen auch wir unser Leben legen und brauchen nicht auf alle möglichen irdischen Mächte und Gewalten zu vertrauen, sondern auf ihn allein, den Einzigen und Ewigen Gott, und dürfen hoffen, dass sein guter Geist uns begleitet im Leben und im Sterben. Amen.

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