Flügelaltar mit mehreren Einzelbildern

Marco Uschmann epd

„Allein aus Glauben“

Der Reformationsgottesdienst kam heuer im Jubiläumsjahr live aus der Evangelischen Kirche in Schladming. Mit der Gemeinde feierten ihn Bischof Michael Bünker und Senior Pfarrer Gerhard Krömer.

„Gerecht wird der Mensch ohne die Werke des Gesetzes“, schreibt der Apostel Paulus, „allein durch den Glauben“ - „Martin Luther hat sich die Freiheit genommen, das Wort ‚allein‘ in seine Bibelübersetzung zur Verdeutlichung des Inhaltes der Bibel hineinzuschmuggeln“ erinnert Bischof Bünker, „wer glaubt ist frei! Das ist das Evangelium, das Martin Luther wieder entdeckt hat. Es lässt aufatmen, vertreibt die Angst, schenkt neues Leben, öffnet die Augen für die Not anderer und vertreibt die Trauergeister.“

Auf den Tafeln des Flügelaltars der Evangelischen Kirche in Schladming wurde in der Gegenreformation das Wort ‚allein‘ weggekratzt. Unheimlich war der Obrigkeit diese reformatorische Gewissheit ‚allein durch den Glauben‘. „So ist es bis heute,“ meint Bünker, „es geht um diese Freiheit, die nach christlichem Verständnis dem Menschen verheißen ist, die ihm zugetraut ist, zugemutet ist, die es heute dringend braucht, wohin immer man in der Welt blickt.“

MUSIK

Allein durch den Glauben

Die leisen Töne

Großer Gott, wir loben dich

Du bist heilig

Lobe den Herren

Bist du zu uns wie ein Vater

Ein feste Burg ist unser Gott

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Königskinderchor
Leitung: Catherine Galler

Chorgemeinschaft Evangelischer Kirchenchor Schladming

Singkreis „Ein Neues Lied"
Leitung: Margarita Nosal-Strasser

Orgel: Helmut Hochstetter

Gott ist unser Schutz

Lesung: Psalm 46

Gott ist unsere sichere Zuflucht, ein bewährter Helfer in aller Not. Darum haben wir keine Angst, auch wenn die Erde bebt und die Berge ins Meer versinken, wenn die Fluten toben und tosen und die Berge davon erzittern: Der Herr der Welt ist bei uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz! Frisches Wasser strömt durch die Gottesstadt, in der die heilige Wohnung des Höchsten ist. Gott selbst ist in ihren Mauern, nichts kann sie erschüttern. Er bringt ihr Hilfe, bevor der Morgen graut. Er lässt seine Stimme hören – und die Völker zittern, Königsthrone wanken, die ganze Erde vergeht vor Angst. Der Herr der Welt ist bei uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz!

Die höchsten Gebote sind die der Liebe

Schriftlesung: Matthäus 22

Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: "Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?“ Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Unabhängig von Werken

Predigttext: Römer 3

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Ohne jede Vorleistung

Predigt von Bischof Bünker

Liebe Gemeinde, heute ist Schladming wieder mit der ganzen Welt verbunden! Dabei geht es nicht um ein sportliches Großereignis wie eine Weltmeisterschaft oder die Paralympics. Es geht um ein Großereignis des Glaubens, es geht um die Reformation. Sie ist eine Weltbürgerin! Ihren Anfang hat sie im Jahr 1517 – also genau vor 500 Jahren – in Wittenberg genommen. Dort war damals etwas Neues, etwas Ungewohntes, ja etwas Unerhörtes aufgebrochen. Eine Einsicht, die verschüttet war und wieder entdeckt wurde. Wodurch? Durch Martin Luther und seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Damit hat es begonnen. Luther hat unermüdlich, Tag für Tag in der Heiligen Schrift gelesen und vor allem die Gedanken des Apostel Paulus intensiv bedacht. Vor allem der Römerbrief des Paulus hat ihn nicht losgelassen. Wie gut, dass wir heute für die Predigt einen Abschnitt aus dem Römerbrief haben. Noch dazu einen Abschnitt, der so dicht ist, so hochkonzentriert, dass er wohl für 95 Predigten reichen würde. Also muss und darf ich mich beschränken, nur eines hebe ich heraus.

Vier Buchstaben im Lateinischen, s – o – l – a oder sechs im Deutschen, nämlich a-l-l-e-i-n. Sola fide. Allein durch den Glauben. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“, schreibt der Apostel Paulus. Dazu muss man wissen: Dieses Wörtchen „allein“ steht nicht bei Paulus, das setzt Luther in seiner Übersetzung einfach dazu. Dafür wird er heftig kritisiert und angegriffen: So kann man mit der Heiligen Schrift doch nicht umgehen, dass man einfach Wörter hineinstellt, die dort gar nicht vorkommen! Aber Luther rechtfertigt seine Übersetzung. Das „allein“, so sagt er, ist notwendig, um das andere, das Verneinte, zu bestärken. Er bringt dafür als Beispiel den Satz: Der Bauer bringt Korn und kein Geld. Um das zu verstärken, sagt man im Deutschen: Der Bauer bringt allein Korn und kein Geld. Allein durch den Glauben verstärkt also das „ohne des Gesetzes Werke“. Luther sagt dazu: „Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden solle, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen; da verstehen sie es dann und merken, dass man deutsch mit ihnen redet."

Aber dieses „allein“ hat es in sich. Wer „allein“ sagt, schließt etwas anderes aus. Und zwar ganz und gar. Der Bauer bringt eben kein Geld, gar kein Geld, er bringt nur Korn, nichts als Korn. Allein das Korn. Das überträgt Luther mit dem „allein“ auf unser Verhältnis zu Gott: Die Werke, also unsere Leistung, unsere Anstrengung machen uns nicht gerecht vor Gott. Das macht nur der Glaube. Nichts als der Glaube. Allein der Glaube. Diese reformatorische Erkenntnis hat sich im heutigen Österreich rasch durchgesetzt. An allen Orten können wir den Aufbruch sehen, der damit verbunden war. Aber Österreich war ein katholisches Land, zumindest die Landesherren, die Habsburger, waren und blieben immer katholisch. Daher war die Gegenreformation hierzulande besonders heftig. Auch hier in Schladming am Dachstein, damals eine Bergbaustadt. Als hier im Jahr 1600 die Bevölkerung wieder katholisch werden sollte, wurde die evangelische Achatiuskirche zerstört und der Flügelalter aus der Kirche wieder „katholisch“ gemacht. Heute stehen die alten Tafeln des Altars hier in der evangelischen Kirche.

Wir sehen in der Mitte zwei Bilder. Das eine zeigt eine Szene aus der Geschichte des Volkes Israel. Auf der anderen Seite steht das Kreuz Christi. Es ist das Bild der Liebe Gottes, der Zuwendung und des Trostes. Da siehst du das Evangelium. Auf der Rückseite des Altars stehen verschiedene Zitate aus der Bibel. Auf einer Tafel steht auch unser Predigttext aus dem Römerbrief. Da steht in Luthers Übersetzung: „So halten wir es nun dass der Mensch gerecht werde on des Gesetzes Werk, allein durch den Gauben.“ Nur ist das Wort „allein“ dort ausradiert, ausgekratzt.

Alles andere konnte stehen bleiben, nur dieses „allein“ musste weg, dann war der Altar wieder katholisch. Offensichtlich hat man genau dieses kleine Wort, dieses Detail zu einem zentralen Unterscheidungsmerkmal zwischen evangelischer und katholischer Art zu glauben gemacht. Als wollte man sichtbar machen: Nimm diesen Evangelischen ihr trotziges „allein“ und es bleibt von ihnen nichts mehr. Und auch nichts von der umstürzenden Erkenntnis der Reformatoren.

Gott sagt Ja zu dir allein in Jesus Christus, nur in Jesus Christus, in nichts als Jesus Christus, und er sagt es ohne jede Voraussetzung, ohne jede Vorleistung, ohne jede Bedingung, also aus Liebe, also allein aus Gnade. Sola gratia. Auf dieses göttliche Ja zu vertrauen, aus ganzem Herzen zu vertrauen, ich könnte auch sagen: allein aus dem Herzen, es zu bejahen mit Leib und Seele, im Leben wie im Sterben, das ist Glauben. Der heilige Gott kommt dir nahe in Jesus. Wendet sich dir zu mit seinem Segen. Ganz nahe ist das Geheimnis!

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Thomas Bogensberger