Weihnachtskrippe. Maria, Josef und das Jesukind.
REUTERS/Heinz-Peter Bader
REUTERS/Heinz-Peter Bader
Christentum

Weihnachten

Ein Geburtsfest Jesu scheint in den ersten drei Jahrhunderten für das Christentum keine Rolle gespielt zu haben. Heute ist es für viele, auch Nichtchristen, das beliebteste Fest.

Kein christliches Fest ist derart beliebt wie Weihnachten, das Fest, an dem Jesu Geburt im Stall von Bethlehem gefeiert wird. Dabei hat das Christentum erst vergleichsweise spät begonnen, die Geburt Christi zu feiern. Auch das Datum des Festes war anfangs umstritten, und bis heute ist nicht restlos geklärt, warum gerade der 25. Dezember ausgewählt wurde.

Am 24. Dezember ist Heiliger Abend, am 25. Dezember Christtag. Auch in einer pluralen und säkularisierten Gesellschaft wie der österreichischen können diese beiden Daten wohl als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Weihnachten mag theologisch gesehen nicht das wichtigste Fest im christlichen Jahreskreis sein. Das mit Abstand beliebteste ist es – zumindest in Europa und Amerika – allemal.

Ein junges Fest

Dabei spielte die Geburt Christi in den Anfängen des Christentums nur eine sehr untergeordnete Rolle. Zwei der vier christlichen Evangelien verlieren gleich gar keine Worte zu Jesu Geburt. Auch ein Geburtsfest scheint in den ersten drei Jahrhunderten für das Christentum keine Rolle gespielt zu haben. Zumindest wird ein solches in keinem christlichen Text dieser Zeit erwähnt.

[[5112466/ Das Christuskind muss nicht immer in einer Krippe liegen. In der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom sitzt der Sohn Gottes schon als Kind auf einem Thron.]]

Der erste schriftliche Beleg dafür, dass Christen die Geburt Jesu feiern, wird in das Jahr 361 datiert und stammt gar nicht von einem Christen selbst. Der römische Historiker Ammianus Marcellinus berichtet davon, dass der römische Kaiser Julian am 6. Jänner einen Gottesdienst zum Epiphaniasfest besuchte.

Die Verbindung von Epiphanias, dem Fest, das viele christliche Kirchen noch immer am 6. Jänner feiern, mit der Geburt Christi scheint auf den ersten Blick sonderbar. Wird doch an diesem Tag der Taufe Jesu und der Anbetung des Jesuskindes durch die Weisen gedacht. Tatsächlich verliert auch Marcellinus kein Wort über die Geburt Christi. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass in dem Gottesdienst, den der römische Historiker erwähnt, genau diese gefeiert wurde.

Patriarch Kyrill I. beim Weihnachtsgottesdienst in Moskau.
REUTERS/Evgenia Novozhenina

Ein Fest – zwei Termine

„Wir hatten im vierten Jahrhundert zwei parallele Geburtsfeste – den 25. Dezember, Weihnachten, im Westen, und den 6. Jänner, Epiphanias, im Osten“, sagt Hans Förster. Der Theologe hat in den letzten 15 Jahren mehrere Bücher dem frühchristlichen Weihnachtsfest gewidmet. „Zur Zeit von Marcellinus standen die beiden Feste wahrscheinlich noch getrennt nebeneinander. Das macht es wahrscheinlich, dass das Fest, das er erwähnt, das Geburtsfest ist“, so Förster.

In der Folge hat sich die Feier der Geburt Christi erstaunlich schnell verbreitet. Bereits knappe 50 Jahre nach dem Bericht des römischen Historikers kann Augustinus in einer Predigt einer Gruppe von Christen das Nicht-Feiern von Epiphanias zum Vorwurf machen. „Das heißt, wir haben nicht einmal mehr ein halbes Jahrhundert – was in der damaligen Zeit eine unglaublich rasante Geschwindigkeit ist – zwischen der ersten Bezeugung eines Festes und der Tatsache, dass die Feier oder Nicht-Feier dieses Festes Zeichen der Kircheneinheit wird“, fasst der Kirchenhistoriker die Entwicklung am Ende des vierten Jahrhunderts zusammen.

Uneinigkeit zwischen Ost und West

In diesen fünfzig Jahren kam es aber nicht nur zu einer Verbreitung des Geburtsfestes in der christlichen Welt. Die Zeit war auch von kirchlichen Diskussionen geprägt, wann dieses Fest denn nun zu feiern wäre. Einer jener Kirchenmänner, die dafür verantwortlich waren, dass sich schließlich – mit Ausnahme der armenischen Kirche – der 25. Dezember als Geburtstermin Christi durchsetzte, war Johannes Chrysostomos.

Der Theologe, dem im sechsten Jahrhundert der Ehrenname Goldmund (griech. Chrysostomos) verliehen wurde, setzte sich in den achtziger Jahren des vierten Jahrhunderts in Antiochia für die Einführung des Weihnachtsfestes ein. Bei der ersten offiziellen Weihnachtsfeier hielt er die Predigt in der syrischen Metropole. In dieser legte er anhand der Evangelien und mit allerlei Berechnungen dar, warum der 25. Dezember dem 6. Jänner vorzuziehen sei.

Ähnliches versuchte Hieronymus knappe 30 Jahre später in Jerusalem. In einer Weihnachtspredigt um das Jahr 410 erklärte er, warum die Kirche im Westen um das richtige Datum wisse und nicht die Jerusalemer Gemeinde. Sein Hauptargument: Die Apostel, die ja wohl wissen mussten, wann Jesus geboren worden war, verteilten sich in alle Welt und nahmen dabei dieses Wissen mit.

Die Geburt der unbesiegbaren Sonne

Das Spannende daran ist, dass weder Chrysostomos und Hieronymus noch ihre Gegner dem jeweils anderen vorwarfen, das Fest Christi Geburt an dem Termin eines heidnischen Festes zu feiern. Diese Strategie läge eigentlich nahe, wenn man einerseits bedenkt, wie verpönt heidnische Feiern in der frühen Kirche waren und andererseits einer mittlerweile schon nahezu als Gemeinplatz geltenden These folgt. Laut dieser wären nämlich sowohl Weihnachten als auch Epiphanias als Parallelbildungen zu heidnischen Festen entstanden.


Apollon-Sol mit siebenstrahliger Gloriole des Helios, römisches Bodenmosaik, Tunesien, spätes 2. Jahrhundert
Apollon-Sol mit siebenstrahliger Gloriole des Helios, römisches Bodenmosaik, Tunesien, spätes 2. Jahrhundert. Sol-Invictus-Darstellungen sind in der römischen Kunst ein beliebtes Motiv

Vor allem für den Festtermin des 25. Dezember scheint diese Argumentation bestechend. Nach dem altem julianischen Kalender fiel auf diesen Tag die Wintersonnenwende, weshalb man im römischen Reich an diesem Termin das Fest des „sol invictus“ – des personifizierten Sonnengottes – gefeiert haben soll. Auch in christlichen Weihnachtspredigten wie denen des Augustinus findet sich eine ausgeprägte Sonnensymbolik. Es liegt also nahe, hier eine Verbindung zwischen einem heidnischen Fest und dem christlichen Weihnachten zu ziehen.

Falsche Schlüsse?

Der Haken ist allerdings, dass es vor allem diese christlichen Predigten mit ihrer Sonnensymbolik sind, aus denen die Wissenschaft die weite Verbreitung des heidnischen Vorläuferfestes ableitete. „Die außerchristlichen Daten für dieses Sonnwendfest sind vorsichtig ausgedrückt sehr mager“, sagt Förster.

Im Grunde sind es nur ein kalendarisches Werk, der „Chronograph von 354“, und eine Rede des bereits oben erwähnten Kaiser Julian, die ein solches Fest andeuten. „Wir sind damit beide Male genau in der Mitte des vierten Jahrhunderts und damit bei einer Auseinandersetzung Christentum gegen nichtchristliche Umwelt“, gibt Förster zu bedenken. Quellen aus vor- oder wirklich frühchristlicher Zeit fehlten. Zwar wissen wir von der Einweihung eines Sonnentempels im Jahr 275 nach Christus in Rom, die wohl am 25. Dezember stattgefunden hat, „aber das ist nicht wirklich ein nachvollziehbarer reichsweiter Kult“, so der Kirchenhistoriker.

Älteste bekannte Darstellung von Augustinus in der Lateranbasilika aus dem 6. Jahrhundert.
Gemeinfrei
Von Augustinus sind etwa ein Dutzend Weihnachtspredigten überliefert.

Dazu kommt, dass Kirchenmänner wie Augustinus in ihren Predigten zwar von der Sonne sprachen, dabei aber sehr gut auf die biblische Tradition zurückgreifen konnten. „Die Christen haben ja mit der Sonne der Gerechtigkeit aus dem Buch Maleachi und Ähnlichem mehr eine Sonnensymbolik gehabt, die man verwenden konnte“, sagt Förster. Gleichzeitig erwähnt aber keine der Predigten ein heidnisches Fest am 25. Dezember. Und das, obwohl etwa Augustin lautstark gegen die heidnischen Feierlichkeiten zum Jahreswechsel oder die Sonnwendfeiern am 25. Juni polemisierte.

Das Schweigen der Quellen

Ein Zeitgenosse Augustins, der Turiner Bischof Maximus, predigte sogar davon, wie wunderbar Gott es geordnet hat, dass Weihnachten genau zwischen den heidnischen Feiern der Saturnalien und den Kalenden des Jänners liegt. „Wenn ein Prediger des Jahrhunderts, in dem angeblich das Weihnachtsfest als Parallelfest zu einem Sonnwendfest ausgestaltet wurde, sagen kann, dass wir an diesem Tag kein heidnisches Fest haben und ihm die Gemeinde nicht in schallendes Gelächter ausbricht“, so der Kirchenhistoriker, „dann ist die Frage, ob wir hier nicht unter Umständen das parallele Fest aus moderner Sicht etwas überbewertet haben“.

Buchhinweis:

Hans Förster, Die Anfänge von Weihnachten und Epiphanias, Mohr Siebeck 2007.

Möglicherweise wurden der 25. Dezember und der 6. Jänner von den Christen genau deshalb ausgewählt, weil diese Tage eben nicht mit bedeutsamen heidnischen Festen besetzt waren. Warum aber genau diese beiden Termine gewählt wurden, lässt sich laut Förster aus den Quellen nicht mit Sicherheit rekonstruieren: „Es ist klar, dass im Westen die Sonnensymbolik eine stärkere Rolle gespielt hat als im Osten. Warum sich die Gemeinden im Osten für den 6. Jänner entschieden haben, lässt sich aber einfach nicht genau sagen. Im Extremfall war der 6. Jänner einfach nur ein Zufallstermin.“

Weihnachten liegt in der Luft

Neben allen Unklarheiten ist aber eines offensichtlich: das Weihnachtsfest hat im vierten Jahrhundert einen Nerv getroffen. Dies hängt wohl auch mit den regelrechten Pilgerströmen ins Heilige Land zusammen, die ab der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts einsetzten. Wie heute auch noch besuchten die Christen die Stätten von Jesu Geburt, Wirken und Tod.

Die Geburtskirche wurde über einer Höhle, der angeblichen Geburtsstätte Jesu Christi errichtet. Eine Gläubige berührt die Stelle die mit einem Stern verziert ist.
REUTERS/Mussa Qawasma
Die Geburtskirche wurde über einer Höhle, der angeblichen Geburtsstätte Jesu Christi, errichtet. Eine Gläubige berührt die Stelle, die mit einem Stern verziert ist.

Die Verehrung dieser Orte wurde ab Konstantin immer stärker liturgisch ausgestaltet. In Jerusalem und Bethlehem ließ der römische Kaiser neue Kirchen bauen. „Früher oder später könnte sich da die Frage gestellt haben: Wir haben die Geburtsgrotte, wir haben eine Kirche über der Geburtsgrotte – sollten wir da nicht auch etwas feiern?“, fasst Förster die Stimmung im vierten Jahrhundert zusammen. Es mögen also durchaus die Bedürfnisse der Gläubigen gewesen sein, die Weihnachten entstehen und in kurzer Zeit zu einem solchen Erfolg werden ließen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Weihnachten lag in der Luft.

Übersichtsartikel zum Christentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: