Keine Sicherheit

Dass Emily Brontë, die bereits mit 30 Jahren starb, heute fix in den Kanon der englischen Literatur gehört, verdankt sie vor allem ihrem Roman „Sturmhöhe“. Er erschien 1847, ein Jahr vor ihrem so frühen Tod. Auf Deutsch liegt er in unterschiedlichen Fassungen vor, nicht alle Übersetzer trauten sich, die sprachliche Deftigkeit entsprechend zu übertragen.

Gedanken für den Tag 2.8.2018 zum Nachhören:

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Die Sprache ist eine Wucht und mit dieser setzt das Buch gleich am Anfang ein. Faszinierend ist die Erzählweise, denn von der verzweifelten unmöglichen Liebe zwischen Catherine und Heathcliff und ihren bösen Folgen erfahren wir nur durch andere, die Zuverlässigkeit kann stets in Frage gestellt werden, harmonisiert wird nichts. Besonders sind die Musikalität der Sprache, die verschiedenen Stimmen und Dialekte, die Abweichungen von der Zeichensetzung. Faszinierend ist die Abgründigkeit dieses Romans. Heute weiß man um die Kraft der Triebe, um die Macht der dunklen Seite der Menschen, um die dünne Schicht der Zivilisation und wie leicht sie bricht. „Sturmhöhe“ war ein Buch vor seiner Zeit. Es erschien, faszinierte und verstörte.

Große Erzählung und Moral

Zur selben Zeit verfasste Charles Dickens seine sozialkritischen Romane über das Elend in der Großstadt. Einen solchen Realismus hatte Emily Brontë nicht im Sinn. Was sie erzählt, ist, trotz aller nachweisbaren zeitgeschichtlichen Bezüge (nicht zuletzt etwa die Rolle der Frau), universell und immer noch gültig. Vielleicht ist das Hervorheben der bösartigsten Gemeinheit des Menschen Brontës Antwort auf die Aufklärung. Auf die große Erzählung von Erziehung, Fortschritt und Zivilisation. Auch die viktorianische Erzählliteratur wollte zu Kultivierung und menschlicher Sensibilisierung beitragen. Vielleicht ist der Roman – durch die unterschiedlichen Figuren, die hier teils bestimmte Glaubensrichtungen geradezu karikieren – eine Auseinandersetzung auch mit Religion und zeitgenössischen Bewegungen, die Brontë im väterlichen Pfarrhaus kennenlernt hat, ein Durchspielen der Möglichkeit, keines Gottes sicher zu sein.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Germanistin, Theologin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Was die Moral betrifft, so macht es Emily Brontë ihren Leserinnen und Lesern in diesem Buch jedenfalls nicht leicht. Der gewalttätige, rachedurstige Heathcliff wird oft als der Bösewicht schlechthin bezeichnet. Das ist er aber im Roman nur durch die Erzählungen anderer, durch ihre Interpretation. Er hat bei genauerem Hinsehen manchmal durchaus menschliche Züge, er wäre sogar bereit sein Leben für eine andere zu opfern. Als einziger. In diesem Sinn (und nur in diesem Sinn) wäre er dann paradoxerweise, wie die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum einmal schrieb, sogar „der einzige Christ unter allen Pharisäern“.

Musik:

„Grown Man Cry“ von Amanda Palmer
Label: Eight Foot Records Inc.