„Cupcakes“: Vorsichtige Blicke unter die Zuckerglasur

Sind wir nicht alle furchtbar tolerant? Ein Feel-Good-Musikfilm kann ganz ohne Nebenwirkungen genossen werden, oder man wagt den Blick unter die Zuckerglasur und überlegt, was Akzeptanz wirklich bedeutet.

„Israel, ten points …“. Song Contest in Paris und gerade werden die Wertungspunkte vergeben. Hobbysänger Ofer (Ofer Shechter), der eine kleine Gesangsgruppe aus dem Freundeskreis zusammengestellt hat und für Israel an den Start gegangen ist, scheint ganz gut im Rennen zu sein. Vor den Fernsehschirmen und im Studio drücken Familie und Kollegen die Daumen. Diese Szenen sind der Höhepunkt des Films. Kurz zuvor hat Ofer mit Sakko und Ballettröckchen die Bühne betreten und keine Scheu gezeigt, seine Homosexualität auch vor einem Millionenpublikum offenzulegen.

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Wirklichkeit und Fiktion

Was im Film Cupcakes als fiktionale Geschichte erzählt wird, kennt man in Österreich seit Conchita Wurst und dem Song Contest 2014 aus der Realität. Aber auch Israel hat seine wahre Geschichte dazu. 1998 ersang die Transsexuelle Dana International für Israel den Sieg beim Eurovision Song Contest. Ihre Teilnahme sorgte damals für heftigen Widerstand in religiösen Kreisen und sollte verhindert werden. Auch Conchita Wurst wurde und wird wegen ihrer sexuellen Orientierung immer wieder angefeindet.

In Cupcakes ist das anders. Irgendwie klappt alles wie am Schnürchen. Alle finden Ofer sympathisch. In seinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld scheint Homosexualität vollkommen akzeptiert zu sein. Auch die Bewerbung zur Teilnahme am Song Contest geht fast von alleine. Ofer und ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaften singen spontan ein Lied und filmen es mit der Handykamera. Das Video landet bei einer Jury und die findet es so berührend, dass die Gesangstruppe als Vertreter von Israel für den nächsten Song Contest auserwählt wird. Und weil eine der Sängerinnen Bäckerin ist und mit Vorliebe mit Zuckerfarben bunt glasierte Muffins herstellt, nennt sich die Gruppe Cupcakes. Friede, Freude, Zuckerlfarbe.

Filmplakat "cupcakes"
Jüdisches Filmfestival Wien
Ofer und seine musikalischen Nachbarinnen schaffen aus einer Laune heraus die Bewerbung als israelische Kandidaten für den nächsten Song Contest

Schwere Themen und leichte Musik

Cupcakes ist ein Musikfilm in guter israelischer Tradition, mit Musiknummern von “Yes Sir, I Can Boogie” über “You Light up my Life” bis zu “Hallelujah”. Songs, die man kennt und bei denen man gerne mitswingt. Doch bei den Themen und Geschichten, die hinter den Figuren im Film stehen, greift Regisseur Eytan Fox ins Volle.

So steht die Ehe von Anat (Anat Waxman), vor dem Aus. Dana (Dana Ivgy) hat Angst ihren Vater zu enttäuschen und hat einen Job, der sie alles andere als glücklich macht. Keren (Keren Berger) wiederum flüchtet sich in eine virtuelle Computerwelt. Jede der Figuren trägt einen schweren „Rucksack“ mit sich herum. Eigentlich viel mehr Stoff, als in einen Film passt und so kratzen Regisseur und Drehbuchautor Fox und sein Co-Autor Eli Bijaoui bei ihren Figuren nur an der Oberfläche. Vielleicht auch deshalb, weil sie weitere Nachforschungen ihrem Publikum überantworten möchten.

Ofer, der als Kindergärtner arbeitet, hat seinen ersten Auftritt im Film als Karaokesänger. Perfekt geschminkt und gestylt tritt er als Frau verkleidet vor sein kleines Publikum. Alle lachen und applaudieren, die Eltern der Kleinen freuen sich, grüßen freundlich, eine heile und tolerante Welt, in der jeder größtmögliche Freiheiten genießt. Man merkt, es hat Gründe, warum Tel Aviv 2011 von der australischen Tageszeitung Calgary Herald zur “schwulenfreundlichsten Stadt” gewählt wurde.

Israel war 2001 zudem das erste Land in Asien, das Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz geschützt hat. Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ist möglich und Schwule und Lesben können ihre Partnerschaft eingetragen lassen. Doch nicht immer ist hinter einer bunten Zuckerglasur auch wohlschmeckender Kuchen.

Der Schein von Offenheit

Alle Personen im Film erscheinen zwar auf den ersten Blick offen und tolerant, doch wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt durchaus unerwartet Bitteres zum Vorschein. Selbstverständlich akzeptieren die Eltern von Ofers Freund die homosexuelle Beziehung ihres Sohnes, „aber doch bitte aus Rücksicht auf das Geschäft nicht in der Öffentlichkeit“.

Der freundliche Organisator für die Vorausscheidung der israelischen Song-Contest-Kandidaten findet die „authentische Performance“ der kleinen Musikergruppe um Ofer zwar toll, aber da und dort müsse man noch etwas verändern. Er organisiert Kostüme, arrangiert den Song neu, greift so lange ein, bis nur noch wenig vom ursprünglichen Charme der Nummer überbleibt. Schließlich erkennen sich die Künstler und ihr Lied nicht mehr wieder. Im Film kommt Toleranz mehrfach als Maske daher, hinter der Menschen, gut versteckt, anderen ihre Vorstellungen überstülpen wollen.

Glaube und Toleranz

Interessant ist auch eine Szene, in der die musikalische Truppe kurz vor dem entscheidenden Auftritt beim Song Contest in Paris auf den Lift warten muss. Dana greift in ihre Tasche, zieht ein dickes Gebetbuch hervor und beginnt zu lesen. Die Gruppe ist sichtlich irritiert, stimmt aber schließlich ein: „O Gott, führe uns, dass wir in Frieden wandeln. Leite uns, dass wir unser Bestimmung erlangen ...“.

Alle machen zwar mit, sprechen das abschließende „Amen“ aber mit mehr oder weniger Enthusiasmus. Wo beginnt und endet religiöse Toleranz, wie weit verbiegen wir uns für die Überzeugung anderer? Wie sehr lassen wir uns fremdbestimmen? Und gibt es so etwas wie letzte Wahrheiten, die als Trumpf alles andere ausstechen? Viele Fragen können bei dieser Szene zu schwingen beginnen.

Doch nur ein paar Sekunden gibt uns Fox in seiner Regiearbeit Zeit, darüber nachzudenken. Denn kaum fängt der Film ein wenig zu „kratzen“ an und wagt einen vorsichtigen Blick unter die bunte Oberfläche, wird sogleich mit Musik und süßer Optik jegliche leicht gezogene Furche wieder zugespachtelt.

Man kann Cupcakes ohne Probleme als Feel-Good-Film genießen und man muss sich keine Gedanken über Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Meinungen und Lebensstilen machen. Man kann aber auch die bunte Zuckerglasur über den kleinen Törtchen entfernen und schauen was darunter liegt. Vielleicht ist es ja gar nicht so bitter wie befürchtet?

Marcus Marschalek, religion.ORF.at

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