Eytan Fox zu Gast beim Jüdischen Filmfestival

Der israelische Regisseur zeigt in Wien vier seiner Filme. Eytan Fox zählt zu den Künstlern, die sich in ihrer Kritik am gegenwärtigen Zustand Israels kein Blatt vor den Mund nehmen.

„Dass die Stadt am Meer liegt, merkt man leider kaum“, erklärt Noam – Israeli, Verkäufer in einem Musikladen und eben von seinem Armeeeinsatz heimgekehrt - seinem palästinensischen Freund Ashraf, mit dem sich eine zarte Liebesgeschichte entwickelt. Sie blicken vom Balkon auf das nächtliche Tel Aviv und sehen Häuser, Straßen und Lichter, aber eben kein Meer. „Man sieht es nicht“, doziert Noam weiter, „obwohl es gleich da hinten ist. Die Osteuropäer, die die Stadt gebaut haben, hatten keine Ahnung vom Mittelmeer. Sie bauten sie mit dem Rücken zum Meer, mit Straßen, die parallel zur Küste verlaufen. Hotels versperren die Sicht. Die haben alles zugebaut, es gibt keinen Meerblick. Von der Seeluft spürt man auch nichts. Im Gegenteil, man kann hier kaum atmen.“

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Jüdisches Filmfestival Wien
religion.ORF.at begleitet das Jüdische Filmfestival Wien als Medienpartner und berichtet über ausgewählte Programmpunkte.

Jüdisches Filmfestival Wien 2015

Liebe zu Tel Aviv

Das sind kritische Worte über eine Stadt, die dennoch die Liebe zu ihr nicht in Frage stellen. „The Bubble“, die Blase heißt der Film, den Eytan Fox 2006 veröffentlichte, nach einem Drehbuch seines Lebenspartners Gal Uchovsky. Tel Aviv ist das Zentrum in seinem Schaffen, seine Referenzstadt. So undenkbar wie Woody Allen ohne New York ist Eytan Fox ohne Tel Aviv. Eine Box mit fünf Eytan-Fox-Filmen trägt den Titel „I love Tel Aviv“. Das ist nicht nur Marketing, sondern auch ein Statement.

Tel Aviv ist das liberale Gegenstück zum religiösen Jerusalem. Eine junge Stadt, eine Stadt zum Feiern und Ausgehen, voller Lebensfreude, voller Chancen und Möglichkeiten. Eine Stadt auch, in der es die Lesben- und Schwulenbewegung leichter hatte als anderswo, ihre Rechte zu erstreiten.

„The Bubble“ schildert eine Wohngemeinschaft von zwei homosexuellen Männern, Yali und Noam, und einer heterosexuellen jungen Frau namens Lulu. Sie genießen ihr Leben, suchen Erfüllung in der Liebe und organisieren Rave-Parties für den Frieden. Dennoch versuchen sie, sich die politische Lage so weit vom Leib zu halten, dass sie ihr Leben nicht beeinträchtigt.

Szenenfoto aus "The Bubble" von Eytan Fox  - JFW15
JFW
Tel Aviv 2006. Lulu, Yali und Noam teilen sich eine Wohnung in einem der hippsten Viertel von Tel Aviv und leben wie in einer kleinen Blase, in der sie nur wenig von der Realität des Libanonkrieges spüren

Leben in der „Blase“

Die „Blase“, das ist die Gruppe junger Leute, die sich ihre eigenen Bedingungen für das Zusammenleben schaffen möchte. Das ist aber auch Tel Aviv als Ganzes. Der Dialog eines Paares im Kaffeehaus ist dafür aufschlussreich. „Im Grund leben wir doch alle unter einer Glasglocke“, sagt er. „Sieh dich doch mal um, hier gibt es niemanden, der in der Realität lebt.“ „Aber im Kibbuz“, wendet sie ein, „ist es doch auch nicht anders, oder in den besetzen Gebieten. Was ist denn die Realität? Wer bestimmt, wo sie anfängt und wo sie aufhört?“ Doch der männliche Gesprächspartner bleibt bei seiner Einschätzung: „Ich finde trotzdem: In Tel Aviv leben alle wie in einer Blase.“

Nach der großen Rave-Party, als die Freunde durch menschenleere Straßen nach Hause ziehen, kommt die große Liebeserklärung: „Wie ich diese Stadt liebe, sie ist so romantisch“, sagt Lulu. Darauf Yali: „Ja, Tel Aviv kann schön sein. An manchen Ecken lässt es sich aushalten.“ Lulu: „Ganz besonders am Morgen, da ist alles so ruhig und friedlich.“ Yali: Ich mag Tel Aviv ja auch. Ich finde es nur schade, dass drum herum alles so Scheiße ist. Lulu: „Ja, wenn doch bloß diese blöde Politik nicht wäre, das wär’ super.“

Bittere politische Realität

Aber die „blöde Politik“ gibt es nun mal, und genau das ist das Thema des Filmes. Die „Blase“ ist eine Illusion. Man kann nicht draußen halten, was das Leben bestimmt. Die Liebe zwischen Yoam und Ashraf ist von Anfang an bedroht, nicht zuletzt auch, weil es für den Palästinenser aus Nablus ungleich schwieriger ist, sich als homosexuell zu outen, als für seinen Geliebten in Tel Aviv.

Was am Anfang weit weg schien, kommt bedrängend nahe: Noam darf abrüsten, lässt Checkpoints und Besatzung hinter sich. Doch die Realität da draußen, die im Tel Aviver Alltag keine Rolle spielt, bleibt bestehen. Tel Aviver Kaffeehäuser, in denen es sich wunderbar träumen lässt, werden zum Anschlagsziel von Selbstmordattentätern. Die Blase platzt; was ihre Bewohner verdrängen und vergessen wollten, drängt sich auf brutale Weise ins Leben der handelnden Personen.

Auch das Private ist politisch

Mit großer Feinfühligkeit zeigt Eytan Fox homoerotische Beziehungen. Er schildert die Lebenswelten homosexueller Menschen und die Konflikte, denen sie ausgesetzt sind. Aber immer sind seine Filmerzählungen auch als Kommentare zur Lage des Landes zu verstehen.

Eytan-Fox-Filme sind politisch; das ist eine Konstante seines Schaffens. Auch im vergangenen Jahr war Eytan Fox beim Jüdischen Filmfestival zu Gast, damals mit seiner Komödie „Cup Cakes“, in der es eine Gruppe von Freunden sehr zufällig schafft, beim Song-Contest aufzutreten. Mehr dazu in „Cupcakes“: Vorsichtige Blicke unter die Zuckerglasur und „Im Judentum geht es darum, ein Mensch zu sein.“

Auch dieser fröhlich-bunte, schnell geschnittene Film war nicht ohne politische Aussage, wie Fox in einem Gespräch mit religion.orf.at darlegte: „Das Israel der Siebzigerjahre, das ich in diesem Film beschreibe, ist ein anderes als heute. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war damals stark. Die Leute sagten: ‚Wenn in Amerika jemand auf der Straße zusammenbricht, gehen alle an ihm vorbei. Bei uns ist das anders. Wir helfen einander.“ Mittlerweile ist es bei uns genauso schlimm wie anderswo auch. Wir waren ein viel idealistischeres Land, nicht so geldorientiert und hartherzig gegenüber anderen. Die Nachbarn kannten einander. Es gibt also eine Nostalgie in dem Film, eine Sehnsucht nach dem, was damals war.“

Filmplakat "cupcakes"
Jüdisches Filmfestival Wien
Ofer und seine musikalischen Nachbarinnen schaffen aus einer Laune heraus die Kandidatur als israelische Teilnehmer für den nächsten Song Contest. Man kann Cupcakes ohne Probleme als Feel-Good-Film genießen oder man wagt den Blick unter die bunte Zuckerglasur über den kleinen Törtchen

Anti-israelische Kritik?

Heute zählt Eytan Fox zu den Künstlern, die sich in ihrer Kritik am gegenwärtigen Zustand Israels kein Blatt vor den Mund nehmen. „Ich bin aufgewachsen in einer Welt, in der es hieß: ‚Das ist unser Land, wir stehen zusammen. Wir sind nicht nur hier, um zu überleben, sondern auch um etwas Neues zu errichten. Es ist niederschmetternd, dass es das nicht mehr zu geben scheint.“

Auch das Private und Intime, das Eytan Fox in seinen Filmen darstellt, versteht er nicht unpolitisch. Er hält Politik und Gesellschaft einen Spiegel vor. Seine Kritik an den gegenwärtigen Zuständen kommt klarer Weise nicht bei allen Israelis gut an. Manche werfen ihm unverhohlen vor, er agiere anti-israelisch. Dieses Urteil lässt Fox freilich nicht gelten: „Die Menschen haben längst verstanden, dass meine Filme aus einer tiefen Liebe zu Israel kommen.“

Homosexuelle Filmfiguren

Immerhin, was die Entwicklung von Rechten homosexuell liebender Menschen in Israel angeht, zieht er positive Bilanz. In seinen Filmen wagte er es von Anfang an, Tabus anzugreifen. Etwa, wenn er in seinem auch in Europa bekannt gewordenen Streifen „Yossi und Jagger“ gleichgeschlechtliche Liebe beim Militär thematisiert. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft ist schwer zu überschätzen „Ich habe mich in meinen Filmen sehr für einen Wandel in der israelischen Gesellschaft eingesetzt. Und ich kann stolz sagen, dass ich einiges bewirkt habe. Ich kann mich noch erinnern, als ich im Fernsehen zum ersten Mal eine homosexuelle Figur auftreten ließ und die erste schwule Liebesszene zeigte. Damals war das schockierend.

Filme von Eytan Fox beim Jüdischen Filmfestival

  • „The Bubble“: Samstag 17.10.2015, 18.00 Uhr
  • „Mary Lou“: Sonntag 18.10.2015, 11 Uhr
  • „Walk on Water“: Sonntag 18.10.2015, 15.45 Uhr

Heute kommt in jedem amerikanischen oder israelischen Film eine homosexuelle Figur vor, oder es gibt eine homosexuelle Nebenhandlung. Der heilige Schrein israelischer Maskulinität ist nicht mehr was er früher war, nicht einmal bei der Armee. Da ist wirklich sehr viel anders geworden. Natürlich gibt es weiterhin offene Punkte, aber im Grunde kann sich die gay community in Israel nicht beschweren.“

Sei ein „Mentsh“

Natürlich stößt die offene Darstellung homosexueller Liebe in den Filmen von Eytan Fox auch auf Kritik, nicht zuletzt bei religiös-konservativen Menschen. Wie hält es der Regisseur selbst mit der Religion?

„Mein Vater war ein Rabbi“, erzählt er. „Er hat uns Kindern eingebläut, dass es im Judentum darauf ankommt, ein ‚Mentsh’ zu sein. Das ist ein jiddisches Wort und heißt Mensch in einem sehr positiven Sinn: ein aufrechter, ehrenhafter Mensch. Darum geht es aus meiner Sicht im Judentum: den Anderen zu lieben wie sich selbst.
Mein Vater sagte manchmal: ‚Das ist sehr jüdisch’ – auch wenn etwas gar nicht jüdisch war. Es hat gedauert, bis ich verstanden hatte, was er meinte. Wenn sich Menschen in der Gemeinschaft wie ‚Menschen’ verhielten, wenn sie miteinander anständig umgingen, warmherzig waren, sagte er: Das ist jüdisch.“

Christian Rathner, religion.ORF.at

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