Caritas appelliert an Kurz: „Marshallplan für Afrika“

Die Caritas hat einmal mehr auf Armut und Hunger in Ländern Afrikas aufmerksam gemacht. Von der Regierung fordert die Caritas, mehr Entwicklungshilfegelder einzusetzen und während des EU-Ratsvorsitzes einen Marshallplan für Afrika voranzutreiben.

Die aktuelle Anti-Hunger-Kampagne der Caritas nimmt die vergessenen Krisen in den zentralafrikanischen Ländern Burundi und Ruanda in den Fokus. Nach Jahrzehnten von Massakern und Konflikten, sind es heute vor allem Armut und Hunger, die die beiden afrikanischen Nachbarländer Burundi und Ruanda prägen. Beide gehören zu den ärmsten Ländern der Welt. Vor allem die Lage in Burundi zählt zu den vergessenen Katastrophen der Welt.

Jedes zweite Kind betroffen

Jedes zweite Kind leidet in Burundi unter den Folgen von Unter- und Mangelernährung. Und es sind viele Kinder: Die Hälfte der gesamten Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Die katholische Hilfsorganisation Caritas versorgt mit ihren Partnern vor Ort Kinder und Familien mit Nahrungsmitteln und unterstützt darüber hinaus die Menschen, selbst wieder auf die Beine zu kommen. Zum Beispiel mit Landwirtschaftstrainings. „Hunger ist kein Naturereignis, sondern ein Skandal, denn wir können es, wenn wir es wollen, schaffen, dass kein Kind mehr an Hunger sterben muss“, sagte Caritas-Präsident Michael Landau.

Michael Landau, Caritas -Präsident
APA/Helmut Fohringer
Caritas-Präsident Michael Landau

Mehr Gelder für Entwicklungszusammenarbeit

Er fordert eine erhebliche, weitere Erhöhung der Mittel für die Austrian Development Agency (ADA), die die Entwicklungshilfeprojekte der Regierung abwickelt, sowie eine Ausweitung für die humanitäre Hilfe und eine Aufstockung des Auslandskatastrophenfonds.

Sendungshinweis

Praxis Spezial - Religion und Gesellschaft, Mittwoch 11.7.2018, 16.05 Uhr, Ö1.

Caritas-Generalsekretär Christoph Schweifer zieht den Vergleich zu anderen EU-Ländern. So belaufe sich der entsprechende Fonds im wirtschaftlich schwächeren Finnland auf 70 Millionen Euro, in Schweden auf 400 Millionen, in Dänemark auf 305 Millionen Euro. Die 20 Millionen Österreichs entsprächen daher „jedenfalls nicht“ der Stärke des Landes in der Weltgemeinschaft, kritisierte Schweifer.

Hungerkrise in Burundi „Folge extremer Armut“

Ziel der diesjährigen Anti-Hungerkampagne der Caritas ist es, die Einkommenssituation der Familien von 150.000 Kindern in 15 Ländern wie etwa Burundi so zu verbessern, dass sie ihre Kinder langfristig gut ernähren können. Die Hungerkrise in Burundi ist chronisch, „keine Folge von Dürre oder anderen Naturkatastrophen, sondern eine Folge von extremer Armut“, sagt Christoph Schweifer.

Die Anbauflächen sind zu klein, um die kinderreichen Familien zu ernähren, es gibt kein wie auch immer geartetes Sozialsystem, das Bildungssystem funktioniert de facto nicht. Die Korruption floriert. Das heute fünftärmste Land der Welt erlebte seit seiner Unabhängigkeit 1962 eine Reihe blutiger Massaker zwischen den Volksgruppen der Hutus und Tutsis mit mehreren hunderttausend Toten und mehreren hunderttausend Flüchtlingen. Höhepunkte der Gewalt: 1972/73 und 1993 nach dem Mord am Hutu-Präsidenten Melchior Ndadaye. Nach einem Bürgerkrieg kam das Land erst wieder im Jahr 2005 zur Ruhe, als der Hutu Pierre Nkurunziza die Macht übernahm.

Geldgeber zogen sich zurück

Nkurunziza wurde zum Langzeitautokraten, der 2015 trotz eines Verbots in der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte. Die Gewalt entzündete sich erneut, laut UN-Zahlen flohen 430.000 in die Nachbarländer, vor allem nach Ruanda. 2018 wurde Pierre Nkurunziza von seiner Partei zum „Höchsten und Ewigen Anführer“ ernannt. Mitte Mai dieses Jahres hatte er sich mittels Referendum absichern lassen, bis 2034 im Amt bleiben zu können.

Als Reaktion auf die politische Krise des Landes 2015 haben sich seither internationale Geldgeber und Hilfsorganisationen zurückgezogen, früher hat deren Unterstützung 60 Prozent des Staatshaushalts ausgemacht. Die EU beispielsweise hat nur die humanitäre Direkthilfe aufrechterhalten, jene, die der wirtschaftlichen Entwicklung Burundis zu Gute kommen sollte, wurde ausgesetzt. Die Caritas Österreich finanziert als eine von wenigen NGOs noch Projekte in Burundi.

Caritas Steiermark unterstützt Waisenhaus

Die Caritas Steiermark unterstützt zum Beispiel ein Waisenhaus und Ernährungszentrum in Gitega, der zweitgrößten Stadt des Landes. Seit 2012 werden jährlich rund 100.000 Euro zur Erhaltung der Infrastruktur bzw. für den Unterhalt der Kinder zur Verfügung gestellt. Im Ernährungszentrum bekommen die Frauen, die oft mit mehreren Kindern an der Hand und einem Baby an der Brust kommen, eine Mahlzeit und einen Zerealienbrei aus Soja, Mais, Sorghumhirse und Zucker mit nach Hause.

Im Zentrum werden die Kinder gewogen und gemessen. Die meisten Kinder leiden an einem Hungerödem, charakteristisch dafür ist der sogenannte Hungerbauch, und an Marasmus, der ihre Muskeln schwinden lässt. Unter- und Mangelernährung führt zu Teilnahmslosigkeit und schwächt das Immunsystem massiv, so dass an sich leichte Infektionskrankheiten den Tod bedeuten können.

Kinder aufgenommen am 18. Juni 2018 im von der Caritas Steiermark unterstützen Waisenhaus Gitega in Burundi
APA/Helmut Fohringer
Kinder aus dem Waisenhaus in Gitega (Burundi)

Flüchtlingscamp mit 57.000 Menschen

Das UNHCR Camp Mahama ist eines der größten Flüchtlingscamps in Ruanda. Die meisten Flüchtlinge haben nach den politischen Unruhen im Nachbarland Burundi 2015 ihr Land verlassen und sind nach Ruanda geflohen. „Dieses Camp wurde im April 2015 errichtet. Seit damals war hier eine große Zahl von Flüchtlingen untergebracht. Momentan haben wir hier 19.300 Haushalte und circa 57.000 Personen", sagte Goreth Murebwayire, die Leiterin des Camps.

Jeden Tag kommen 50 Flüchtlinge dazu, sie werden von den Aufnahmezentren an den Grenzen Ruandas hierher gebracht. 15 Hilfsorganisationen helfen bei der Versorgung des Camps, die Caritas ist eine davon. Therese Nduwamungu von der Caritas vor Ort berichtet: „Unsere Aktivitäten konzentrieren sich auf die Ausgabe von frischen Lebensmitteln, aber wir bieten auch psychosoziale Unterstützung. Eine Gruppe von Ordensschwestern macht gemeinsam mit Caritas Freiwilligen Hausbesuche, um die Leute zu finden, die Hilfe brauchen.“

Hilfe vor Ort „nicht nur predigen“

Was sich hier zeige sei, so Caritas-Präsident Michael Landau, dass Menschen dann in der Nähe ihrer Heimat bleiben, wenn sie für sich und ihre Kinder Überlebenschancen und Lebensperspektiven sehen. Ausreichend zu essen und der Zugang zu Bildung müssen als Hilfe vor Ort nicht nur gepredigt, sondern auch umgesetzt werden, sagt Landau. Das politische Mantra „Fluchtursachen bekämpfen“ müsse endlich umgesetzt werden, sagt Caritas-Generalsekretär Christoph Schweifer.

Und in Zusammenhang mit der wieder aktuellen Debatte in Österreich und Deutschland: „Wenn man eine Route schließt, ist noch keine Fluchtursache beseitigt“, kritisiert er. „Fluchtursachen sind Verfolgung, Gewalt, Lebensbedrohung, Elend, Hunger, keine Chancen für Kinder - das bewegt Menschen, woanders hinzugehen. Wenn wir sagen, wir wollen Fluchtursachen bekämpfen, müssen wir in Wirklichkeit alles daran setzen, dass die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen umgesetzt werden.“

Appell an Kurz: „Marshallplan für Afrika“

Michael Landau schließt mit Forderungen nach einer weiteren Erhöhung der Entwicklungshilfegelder und einer Ausweitung der humanitären Hilfe an. Und als Appell an den Bundeskanzler und die Bundesregierung gerichtet, sagt er: „Österreich sollte im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft einen Zukunftspakt mit Afrika, einen Marshallplan für Afrika ganz entschieden auf die europäische Agenda setzen.“ Und weiter: „Nur durch Stabilität in Afrika ist eine langfristige Lösung der Migrationsfrage möglich“, betont Landau.

Kerstin Tretina, für religion.ORF.at

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