Dom Museum Wien: Religiöse und profane Wunden

Mit Wunden und Verwundbarkeit beschäftigt sich das Dom Museum Wien in seiner neuen Ausstellung. „Zeig mir deine Wunde“ schafft es, plausibel Bezüge zwischen christlichen Leidensdarstellungen und moderner Schmerzikonografie herzustellen.

Die Darstellung des Leidens ist in der christlichen Tradition sehr prominent vertreten: Man denke nur an die vielen, teils sehr expressiven Bilder und Skulpturen, die das Leiden Christi am Kreuz darstellen, die klaffenden Wunden an seinen Händen, Füßen und in der Seite und die Ströme von Blut, die daraus fließen. Das zeigt die Ausstellung gleich zu Beginn anhand eines hölzernen Kruzifixes von Anfang des 18. Jahrhunderts - hier ist der Körper Christi von Wunden geradezu übersät.

Die enthaupteten Heiligen Felix, Regula und Exuperantius auf dem Weg zur Grabstätte. Tafelbild auf Holz, um 1490, Meister des Winkler-Epitaphs
Österreichische Galerie Belvedere, Wien
Das Leiden präsentieren: Die enthaupteten Heiligen Felix, Regula und Exuperantius auf dem Weg zur Grabstätte vom Meister des Winkler-Epitaphs (um 1490, Ausschnitt)

Ein Grundgedanke der Schau ist, neben dem Leiden auch das Herzeigen desselben, den Ausdruck des Leidens zum Thema zu machen. Drastisch ist dieses Herzeigen etwa in dem Bild dreier enthaupteter Heiliger aus dem 15. Jahrhundert: Hier präsentieren die geköpften Körper selbst ihre abgeschlagenen Köpfe mit den leidenden Gesichtern. Viele andere Exponate älteren Datums zeigen diese wörtlich verstandene „Hingabe“ von Körpern, die auch Körperflüssigkeiten, vor allem Blut, drastisch in den Mittelpunkt rücken.

St. Sebastienne und der hl. Sebastian

Dass die Ausstellung dennoch nicht zu sehr ins Katholisch-Makabre abrutscht, verdankt sich der sensiblen und klugen Hängung und Durchmischung mit nicht religiösen Motiven. So fehlen zwar weder durchbohrte Marienherzen noch der heilige Sebastian, von Pfeilen übersät und aus vielen Wunden blutend, quasi der Märtyrer schlechthin. Mit Louise Bourgeois’ schlichter Tusche-Bleistift-Zeichnung „St. Sebastienne“ setzt die Ausstellung aber einen modernen, weiblichen Kontrapunkt dazu. Gekonnt werden moderne Werke den Heiligenbildern der katholischen Tradition gegenübergestellt.

Louise Bourgeois: "St. Sebastienne" (1992, Ausschnitt), Galerie Karsten Greve St. Moritz Paris Köln
The Easton Foundation/Bildrecht, Wien, 2018
Louise Bourgeois: „St. Sebastienne“ (1992, Ausschnitt)

Der Titel der Ausstellung verdankt sich einer Joseph-Beuys-Installation mit demselben Namen. Beuys ist in der Ausstellung auch vertreten, ebenso Günther Brus, Hermann Nitsch, Valie Export und viele weitere wichtige Künstlerinnen und Künstler der Moderne.

Verwundbarkeit als Ausdrucksmittel

Verwundbarkeit ist auch in der Moderne ein wichtiges Ausdrucksmittel, Künstlerinnen und Künstler haben sie oft buchstäblich am eigenen Körper thematisiert und ausgedrückt. Damit wird das Herzeigen des Leidens um eine ganz persönliche Sphäre erweitert - ein Weg, den etwa die österreichischen Aktionistinnen und Aktionisten in vielen Fällen beschritten haben, etwa in Performances.

Bei Brus’ Aktion „Der helle Wahnsinn“ (1968) kann man gar nicht anders, als die Selbstverletzung des Künstlers an seinem Oberkörper mit der Seitenwunde von Christus-Darstellungen zu assoziieren. Schwer zu ertragen ist auch die Installation „Remote, Remote“ von Valie Export, die in Großaufnahme zeigt, wie sich die Künstlerin die Finger mit einem Rasiermesser aufkratzt, grausam die Bilder des von Schönheitsoperationen völlig entstellten Gesichts der Performancekünstlerin Orlan.

Ausstellungshinweis

„Zeig mir deine Wunde“ im Dom Museum Wien, Stephansplatz 6, 1010 Wien, 20. September bis 25. August 2019, mittwochs bis sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr, donnerstags 10.00 bis 20.00 Uhr, montags, dienstags und an Feiertagen geschlossen.

Aber Museumsleiterin Johanna Schwanberg und Mitkurator Klaus Speidel, die ihre Schau am Mittwoch der Presse vorstellten, wollen in der Verwundbarkeit nicht nur Negatives sehen: Mit den christlichen Verwundungsbildern verbinde diese neueren Werke die Grundidee, dass nur durch den geöffneten Körper, durch das Zulassen von Verwundbarkeit positive Veränderungen und somit Heilung gesellschaftlicher wie persönlicher Verletzungen eintreten können.

Günter Brus, Der helle Wahnsinn, 1968 (Ausschnitt)
zadik/Foto: Henning Wolters
Selbstverletzung als Ausdrucksmittel: Günter Brus, „Der helle Wahnsinn“, 1968 (Ausschnitt)

Heilung durch Öffnung

Das Video „Wonderland“ von Erkan Özgen zeigt einen gehörlosen Buben, der in trister Umgebung mit Händen, Füßen und Lauten versucht, das Grauen, das er während des syrischen Bürgerkriegs erfahren hat, verständlich zu machen. Die Wunden, um die es hier geht, sind nicht sichtbar und wohl auch nur teilweise zu vermitteln - die Energie, die von dem Werk ausgeht, hat durch seine Offenheit aber auch etwas ergreifend Positives.

„Zeig mir deine Wunde“ basiert auf Werken aus den eigenen Beständen des Dom Museums Wien (den historischen Sammlungen, der Sammlung Otto Mauer, Otto Mauer Contemporary), zeigt aber auch Leihgaben aus dem Stephansdom, Wiener Pfarren, Stiften, in- und ausländischen Museen, Galerien, Privatsammlungen und Künstlerateliers. Aus der Reliquienschatzkammer des benachbarten Doms etwa stammt eine Reliquie des Schweißtuchs Christi (1474).

Unbekannt, Kreuzigungsbild aus dem Erzbischöflichen Palais (Detail), Ende 19. Jh.
Erzbistum Wien/Foto: Lena Deinhardstein
Kreuzigungsbild aus dem Erzbischöflichen Palais (Detail), Ende 19. Jh. (Ausschnitt)

Um die Wunden, die der Krieg den Menschen, aber auch in Natur und Kultur verursacht, kreist ein weiterer Teil der Ausstellung. Ein spätklassizistisches, wenig auffälliges Kreuzigungsmotiv erhält durch äußere Gewalteinwirkung auf das Bild selbst eine historische Tiefe: Es wurde 1938 von Nationalsozialisten beim Sturm auf das Erzbischöfliche Palais zerschlitzt und danach absichtlich nicht renoviert - eine Verwundung, die Erinnerung wach hält.

Schöne Objekte der Zerstörung

Im selben Raum sieht man hyperästhetisierte Bilder von Antipersonenminen, die fast wie Schmuckstücke aussehen - in der Mitte des Raums gemahnt ein zerfetzter Schutzanzug an die furchtbaren Zerstörungen, die diese Objekte anrichten. Die Ausstellung schafft im letzten Teil noch einmal den Bogen von hochreligiösen Darstellungen der Leiden Christi zu einem „lustvollen“ Umgang mit der roten Farbe oder Blut etwa bei Nitsch’ Schüttbildern. Ein besonders ungewöhnliches Exponat ist ein kleiner, im Sarg liegender Christus mit geöffnetem Brustkorb, in den man hineinsehen kann; ein Symbol für den Übergang zu einer mehr naturwissenschaftlich als religiös geprägten Epoche.

Durch „The Scar Project“ (ab 2005) der kanadischen Künstlerin Nadia Myre kann die eigene Verwundung sichtbar gemacht werden: Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, ihre Narben auf kleine Leinwände zu sticken und so selbst einen Beitrag zur Ausstellung zu liefern. Sollte das Angebot in der Schau nicht angenommen werden, so könne das in einem der flankierend angebotenen Workshops nachgeholt werden, verspricht Kuratorin Schwanberg.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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